Anzeige

War Bernie Ecclestone vom Mercedes Reifentest informiert?
© Ferrari | Zoom

Formel 1 Mercedes AMG Reifentest Affäre: FIA wusste nichts, Pirelli dementiert, Red Bull und Ferrari protestiert

(Speed-Magazin.de / Lukas Gorys / F1 2013 - Teil 2 von 2) Noch beim Formel1-GP Monaco hatten Mercedes AMG F1 Berater Niki Lauda genauso wie Mercedes F1-Teamchef Toto Wolff vor laufender TV-Kamera behauptet, dass die Reifentests mit Pirelli nach dem Formel1-GP Spanien in Barcelona völlig legal abgelaufen sind. Nach dem Sieg von Nico Rosberg im Grand Prix von Monaco sieht die Welt allerdings nicht mehr ganz so klar und deutlich aus - Mercedes und Pirelli sind ins Kreuzfeuer geraten, und die Flammen lodern hoch! Hier nun der zweite Teil des Speed-Magazin Autors und F1-Fotograf Lukas Gorys (Link zum Teil 1 der Insider-Story weiter unten).

Unter den gegebenen Umständen des von der Öffentlichkeit abgesicherten und abgeschirmten 1000-Kilometer Pirelli-Reifentests mit Ferrari und Mercedes in Montmelo ist es kein Wunder, dass die Medien und vor allem die Formel-1-Konkurrenten Zeter und Mordio schreien. Wäre alles koscher und rechtlich abgesichert, ist es ja kein Problem darüber zu berichten - auch und vielleicht gerade am Monaco-Formel1-Wochenende. Hier war natürlich auffallend, dass Mercedes in allen Trainings-Sitzungen hervorragend mit den Pirelli-Reifen zurechtkam und auch im Formel1-Rennen der eigentlich übliche dramatische Reifenverschleiss bei den Silberpfeilen nicht auftrat. Natürlich ist der enge Stadtkurs von Monaco aber kein Vergleich mit einer Rennstrecke wie der in Barcelona oder in Shanghai. Doch Aufmerksamkeit erregte das allemal.

Red Bull protestiert wie Ferrari gegen den Mercedes AMG F1 Reifentest
Red Bull protestiert wie Ferrari gegen den Mercedes AMG F1 Reifentest
© mspb
Der Reifenhersteller Pirelli dementiert bis jetzt sehr fleissig dass Mercedes gewusst hat mit welchen Reifen man getestet hat. Pirelli sagt auch, dass es sich zu 90% um Mischungen für die Formel-1-Saison 2014 gehandelt hat. Aber das ist nicht wirklich nachzuvollziehen. Der Widerspruch in sich ist in der bisherigen Behauptung von Pirelli, dass man sich bei den Reifen für das neue Turboreglement im kompletten Blindflug befindet, weil die neuen Formel-1-Motoren die Reifen ganz anders beanspruchen werden. Nur 10% des Reifen-Tests waren mit den Reifen absolviert worden, die ab dem F1 GP in Montreal eingesetzt werden. Dass daraus keinem anderen F1-Team ein Nachteil entstanden ist, ist weit hergeholt - und ausserdem werden die Reifen jetzt in Kanada so wie es aussieht nur im Freitags-Training eingesetzt. Warum wohl?

Mercedes hat definitiv einen Vorteil vom Reifentest
Unabhängig davon welche Reifen bei diesem Test in Barcelona von Ferrari und Mercedes gefahren wurden, jeder Testkilometer mit dem aktuellen F1-Boliden hilft einem Team das Auto besser zu verstehen. Speziell weil der Reifentest nur drei Tage nach dem Grand Prix auf der Piste von Montmelo stattfand. Da Mercedes den gleichen Wagen einsetzte konnten also die Daten mit den Daten des Rennwochenendes und mit den Testdaten vom Februar verglichen werden. Was zur gleichen Zeit am Auto getestet und modifiziert wurde, kann ja nun niemand mehr nachprüfen. Lewis Hamilton und Nico Rosberg konnten aber ihr Feedback geben und damit ist definitiv ein Vorteil gegenüber den Konkurrenten entstanden. Das ist der primäre Grund, warum sich Ferrari dem Protest von Red Bull bei der FIA gegen Mercedes angeschlossen hat.

Pirelli und Mercedes haben sich mit dem geheimen Reifentest keinen Gefallen getan. Das Thema wird die kommenden Formel-1-Rennen beherrschen und weitere gute Resultate von Mercedes AMG F1 in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Mercedes hat definitiv einen Vorteil vom Pirelli Reifentest
Mercedes hat definitiv einen Vorteil vom Pirelli Reifentest
© mspb
Die FIA hat nach den am Monaco-Sonntag eingelegten Protesten von Red Bull und Ferrari Untersuchungen angekündigt und noch am gleichen Abend in einem Statement bestätigt nichts von dem Pirelli-Reifentest gewusst zu haben. Und auch die anderen Formel-1-Teams sind nicht informiert gewesen. Die Affäre geht vor den FIA-Weltrat, und vor diesem Gremium ist alles möglich. Hier wurde vor 6 Jahren die 100mio Strafe gegen McLaren ausgesprochen. Hier wurde auch einige Jahre davor Toyota von der Rallye-WM ausgeschlossen. Die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen und wie Niki Lauda um 50 Euro mit Helmut Marko zu wetten dass Mercedes nicht bestraft wird, ist zumindest sehr mutig.

Allerdings haben sowohl Mercedes als auch Pirelli mächtige Trumpfkarten zu spielen: Bei den derzeit nur negativen Schlagzeilen über die Formel1-Reifen stehen andere Reifenhersteller nicht gerade Schlange um Pirelli zu ersetzen. Zwar stand der Bridgestone Motorsportdirektor Yasukawa am Monaco-Sonntag vor dem FIA-Motorhome, aber das kann auch nur Zufall gewesen sein... Erstaunlich genug ist, dass Pirelli noch immer keinen Vertrag für 2014 unterschrieben hat, auch wenn einzelne F1 Teams wohl schon individuelle Vereinbarungen mit den Italienern geschlossen haben.

Die zweite Trumpfkarte ist schlichtweg die, dass die Königsklasse erheblich geschädigt wäre, wenn Mercedes die F1 nach einem derartigen Skandal verlassen würde. Nicht nur dass ein wichtiges Werksteam fehlen würde, Mercedes ist auch der Motorenlieferant für drei weitere F1-Teams. Und das Safetycar müsste dann auch ein anderer Autohersteller bereitstellen. Doch das dürfte das kleinste Problem sein, denn angeblich versucht Porsche genau das schon seit Jahren...

F1 Boss Bernie Ecclestone vs. FIA Chef Jean Todt?
Es bleibt deshalb abzuwarten, wie die Formel-1 diesen Skandal behandeln wird. Bernie Ecclestone himself hat sich bislang überhaupt nicht zu dem geheimen Pirelli-Reifentest geäussert. Ob er es wusste und zugestimmt hat ist deshalb noch nicht offiziell bestätigt. Je nachdem könnte sich die Affäre eventuell zu einem Machtkampf zwischen Ecclestone und FIA-Boss Jean Todt ausweiten.

F1 Boss Bernie Ecclestone vs. FIA Chef Jean Todt?
F1 Boss Bernie Ecclestone vs. FIA Chef Jean Todt?
© mspb
Bernie Ecclestone ist wegen des über ihm schwebenden Bestechungs-Verfahren in München angeschlagen. In solch prekären Situationen kommen gerne die Gegner aus der Deckung und versuchen die Macht des Bosses auszutesten. FIA-Chef Jean Todt ist angeblich der 100 Jahre Deal, mit dem die FIA vor 10 Jahren die Vermarktungs-Lizenzen der Formel1 an die FOM abgetreten hat (und die das grösste Asset der FOM bei einem eventuellen Börsengang sind), ein Dorn im Auge.

Es könnte eine heisse Situation entstehen, in der sich Ecclestone auf die Seite von Pirelli und Mercedes schlägt, die FIA die beiden bestraft, weil sie eigentlich Ecclestone treffen will. Die 100mio Dollar Strafe gegen McLaren waren bei genauer Betrachtung nichts anderes: Nämlich am Ende eine Macht-Demonstration des damaligen FIA-Chefs Max Mosley gegen den damaligen McLaren-Chef Ron Dennis.

Die 1000 Testkilometer von Barcelona werden Mercedes, Pirelli und die Formel1 aller Voraussicht nach noch eine ganze Weile beschäftigen. Aber irgendwie war es politisch betrachtet in den vergangenen Jahren viel zu ruhig im Piranha-Becken des F1-Paddocks…

>HIER< zum 1. Teil der F1-Insider Story von Lukas Gorys: F1 Teams bemängeln Mercedes Pirelli Reifentest - FIA prüft auch Ferrari Reifentest

-----------

Speed-Magazin berichtete über den Ferrari-Pirelli Reifentest HIER

Lukas Gorys

Monaco - Monte Carlo: News & Ergebnisse