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Lukas Gorys mit Gedanken zur Corona Krise bei den F1 Rennen
© Lukas Gorys | Zoom

Formel 1 Insider Lukas Gorys zum GP Australien: Gedanken vor dem ersten Training der neuen Saison

Ich fühle mich nicht wohl hier in Albert Park. Ich sehe Esteban Ocon mit einer Atemschutzmaske ins Fahrerlager laufen, ich sehe einen Fotografen mit Atemschutz, ich sehe alle zehn Meter eine Spender für Desinfektionsmittel im Paddock (was natürlich vorbildlich ist!) . Ich höre, dass am Mittwoch die ersten Teammitglieder auf Corona-Viren getestet wurden. Auf das Ergebnis warten sie fünf Tagen lang, also bis Montag, wenn hier alles vorbei ist und der ganze F1-Zirkus nach Bahrain fliegt... 

 

Formel 1 Großer Preis von Australien 2020

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Ich sehe, dass die Fans wie immer auf die Fahrer warten, die auf dem Weg vom Parkplatz zum Fahrerlager an ihnen vorbei müssen. Der „Melbourne Walk“ ist eine liebgewonnene Tradition im Albert Park. Bis zu zwanzig Minuten brauchen die Fahrer an normalen Tagen für die 600 Meter. So groß ist die Liebe der Fans zu ihren Idolen. Sie wollen alle ein Selfie, sie lassen sie hunderte Autogramme schreiben, sie jubeln den Fahrern zu. Sie wollen ihnen nah sein. Melbourne hat wunderbare Fans, die in diesem Jahr tief enttäuscht sind, weil die Fahrer nicht an ihnen vorbei laufen dürfen. Zu gefährlich. Sie müssen Abstand halten. Auch Journalisten und Fotografen wurden aufgefordert, „haltet Abstand zu den Piloten“. Man will auf Nummer sicher gehen. 

Lukas Gorys: "Ich sehe Fotografen mit Atemschutz - Wir sind zur falschen Zeit nach Melbourne gekommen!"
© Lukas Gorys

Täglich neue Horrorstories von abgesagten Flügen und von verschärften Einreisebestimmungen

Ich höre jeden Tag neue Horrorstories von abgesagten Flügen, von verschärften  Einreisebestimmungen bei den nächsten Rennen. Jeder kennt irgendein Gerücht, ob dieses oder jenes Rennen in Gefahr, ist abgesagt zu werden. In Melbourne war man so mutig, nicht abzusagen und ich war froh darüber, weil ich mich wie jedes Jahr auf den Saisonauftakt der Formel1 gefreut habe und nach dem langen, dunklen Winter in Deutschland endlich wieder die wunderbaren Spätsommertage von Melbourne genießen wollte. Und weil ich fliehen wollte vor unserem Medien-Overkill und der Panik rund um das Corona-Virus. Aber die Angst vor dem Virus haben wir alle aus Europa mitgebracht. Wie soll ein Italiener bei Ferrari hier in Albert Park 100% Leistung bringen, wenn in seiner Heimat die Familie zu Hause eingeschlossen ist, wenn das Land sich quasi selbst in den Ruhemodus herunterfährt, weil in den Krankenhäusern die Corona-Patienten sterben? Die Kinder dürfen nicht mehr in die Schule, die Frau weiß nicht, wo sie etwas zum Essen einkaufen soll und Toilettenpapier gibt es auch keines mehr (im übrigen ist es auch hier in Melbourne ausverkauft...). Aber der Familienvater sitzt jetzt hier 24 Flugstunden von seinen Liebsten entfernt und soll ab morgen darum kämpfen, dass sein Rennwagen eine Zehntelsekunde schneller wird...
 
Das alles fühlt sich nicht richtig an. Wir sind zur falschen Zeit nach Melbourne gekommen. Wir gefährden ein Land mit dem Virus und die australischen Fans sitzen an diesem Wochenende dicht gedrängt auf den Tribünen, wie man es in der derzeitigen Pandemie-Notlage eben nicht machen soll.

Weltmeister Lewis Hamilton „ich bin geschockt, dass wir hier in  Melbourne sind!“
© Lukas Gorys

Lewis Hamilton war heute in der Pressekonferenz sehr nachdenklich

 
Weltmeister Lewis Hamilton hat es in der Pressekonferenz heute auf den Punkt gebracht: „ich bin geschockt, dass wir hier in  Melbourne sind!“  Damit meinte er die Entscheidung, dieses Rennen auszutragen. In Melbourne sind die Leute mittlerweile aufgewacht und es wurde eine Online-Petition gegen den Start des Rennens initiert.
 
Lewis Hamilton war heute nachdenklich: „Es sind schon heute am Donnerstag so viele Leute hier an der Strecke. Es scheint ein normaler Tag zu sein, aber es ist kein normaler Tag. Donald Trump hat für 30 Tage allen Europäern die Einreise in die USA verboten, die NBA beendet ihre Saison vorzeitig.  Und die Formel1 macht einfach weiter! Heute morgen habe ich im Hotellift Jackie Stewart gesehen (der dreifache F1-Weltmeister ist mittlerweile 80 Jahre alt, Anmerkung der Redaktion). Er sieht fit und gesund aus. Ich sah auch einige weitere ältere Leute im Paddock. Es ist ein ziemlich großer Zirkus, der hier herkommt und das besorgt mich schon.“ 
 
Im weiteren Verlauf der PK wurde Hamilton gefragt, warum seiner Meinung nach dieses Rennen stattfindet und seine Antwort war simpel: „Cash is king“ Also: Geld regiert die Welt.  „Ich hoffe einfach, dass alle Fans hier das Wochenende sicher überstehen. Und ich hoffe dass wir keine Toten sehen.“
 
Ein starker Auftritt des Weltmeisters! 

Lukas Gorys

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