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Muss bald ein neuer Ferrari F1 Teamchef gefunden werden?
© Lukas Gorys | Zoom

Formel 1 Insider Lukas Gorys empfiehlt Ferrari als neuen Teamchef Vasseur von Alfa Romeo

Also wenn ein Formel 1 Fotograf, der fast ein halbes Jahrhundert mittendrin im Zirkus der Königsklasse ist, sich über einen Rennstall Gedanken macht, dann haben diese Gedanken Expertencharakter. Immerhin gilt Gorys als einer der wenigen F1 Insider, die nicht politisch beeinflussbar sind. So wie sich manch ein Formel1 Fan - und speziell natürlich Ferrari und Sebastian Vettel Fan - schon länger über die Scuderia Sorgen macht, liegt es auf der Hand dass Lukas Gorys mal Revue passieren liess wie es bei Ferrari denn überhaupt weitergehen soll. Der Negativstrudel, in dem sich Ferrari im Juli 2020 befindet, rotiert immer schneller. Es stellt sich mittlerweile die Frage wie er gestoppt werden soll. Aber lest mal weiter....

Formel 1 GP Ungarn in Budapest

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Falsche Entscheidung bei Ferrari?

Bei der Scuderia stimmt es einfach nicht mehr. Wer daran schuld ist? Am Ende wie im Fussballder der Trainer. Also Ferrari-Teamchef MattiaBinotto. Es war allgemein bekannt wenig schlau Starpilot Sebastian Vettel schon vor dem verspäteten Beginn der Formel 1 Saison 2020 die weitere Zusammenarbeit ab 2021 aufzukündigen. Dass daraus in der Ferrari-PR-Abteilung eine „gemeinsam getroffene Entscheidung“ gemacht wurde flog später natürlich auf, weil Vettel bei der ersten Gelegenheit (sprich dem ersten Rennwochenende) betonte, dass er von seinem Rauswurf erst per Telefon erfahren hat und „überrascht“ gewesen ist. Binotto behauptete zwar dass der Grund für die Trennung „Corona“ gewesen sei, aber dagegen spricht, dass spanische Journalisten schon im Februar in Barcelona davon erzählten Carlos Sainz ist ein heisser Kandidat auf Vettels Platz bei Ferrari - da war von Corona noch wenig zu spüren...

Beim Schwindeln erwischt zu werden ist immer peinlich. Noch peinlicher wird es, wenn man beim Schummeln ertappt wird. Der diesjährige Ferrari SF1000 ist schlechter als das Vorjahresmodell, weil der aktuelle Ferrari-Motor offenbar deutlich schwächer ist als im Vorjahr. Der Grund dafür? Die FIA hatte 2019 bei Ferrari Unregelmässigkeiten im Motorbereich entdeckt, ohne im Einzelnen aufzudecken was denn nun faul war. Auf jeden Fall hat man Ferrari gezwungen die Power-Unit für die jetzige Formel 1 Saison 2020 umzubauen und das Resultat ist jetzt ein Triebwerk, das gegen Mercedes und Honda deutlich im Rückstand zu sein scheint.

Keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison 2020 also. Beim ersten Rennen in Spielberg war Ferrari im Qualifying schlicht zu langsam. Im Rennen leistete sich Sebastian Vettel einen seiner Flüchtigkeitsfehler. Er drehte sich in Kurve 3 beim Überholversuch an seinem Ferrari-Nachfolger Carlos Sainz. Dass am Ende Charles Leclerc überraschend Platz zwei belegte, überdeckte die Probleme der Scuderia nur für wenige Tage. Denn beim verregneten Qualifying zum zweiten Österreich-Rennen blamierte sich Ferrari erneut: Diesmal schied Leclerc schon in Q2 aus, Vettel wurde Zehnter.

Danach kritisierte Ferrari-Teamchef Binotto in der Pressemitteilung sein Team:  „Wir müssen akzeptieren, dass die Stoppuhr nicht lügt und wir dürfen die Fakten nicht ignorieren. Wir waren heute nicht wettbewerbsfähig. Diese Leistung ist für Ferrari nicht gut genug." Welcher Chef kritisiert in aller Öffentlichkeit seine Leute? Machen das Toto Wolff von Mercedes oder Christian Horner von Red Bull? Niemals, denn das Team gewinnt und verliert immer gemeinsam. Fehler spricht man intern an. Der Management-Stil à là Binotto scheint offensichtlich anders zu funktionieren...


Die Ferrari-Pleitenserie...

....setzte sich beim zweiten Saisonrennen in Österreich nahtlos fort:Charles Leclerc verschätzte sich nach dem Start in Kurve drei und krachte in seinen (noch) Teamkollegen Sebastian Vettel. Es ehrt Leclerc, dass er seine Schuld an dem Unfall sofort zugab. Ferrari Teamchef Mattia Binotto zeigte sich nach dem Doppelausfall emotional: „Es tut sehr, sehr weh, wenn man beide Wagen nach wenigen Runden in den Boxen sieht. Das war das schlimmste Ende eines sehr enttäuschenden Wochenendes.“

Binotto ist nicht der einzige, dem die Kollision Vettel-Leclerc weh getan hat. Ganz Italien und weltweit alle Ferrari-Fans hat dieser Crash ins Herz getroffen. Spätestens jetzt ist klar: Es muss sich etwas ändern bei der Scuderia. Da ist die Führung des FIAT-Konzerns und damit FIAT-Boss John Elkann gefordert. Es wird lange dauern, um aus der Scuderia wieder ein Siegerteam zu formen. Je eher man einen Neuanfang startet, desto besser, denn  das Teambraucht einen personellen und psychologischen Reset. Die Fahrerfrage für die Zukunft ist entschieden. Leclerc ist der Pilot Nummer 1 für die kommenden Jahre. Carlos Sainz hat man geholt, weil er schnell, aber nicht zu schnell ist. Wer aber soll Ferrari in den nächsten Jahren führen? Sebastian Vettel wollte vor zwei Jahren angeblich Andreas Seidl als Teamchef holen, der seither bei McLaren zeigt, wie man ein Team reorganisiert und wieder auf Erfolg trimmt. Leider konnte sich Vettel nicht bei Ferrari durchsetzen. Binotto setzte sich lieber selbst die Teamchef-Krone auf.

Der Posten des Ferrari-Teamchefs ist eine ganz besondere Herausforderung. Der bis dato Letzte, der in der Lage war das oftmals emotional bis chaotisch agierende Ferrari-Team zu bändigen, war der Franzose Jean Todt. Seit Todt Ende 2007 (nach 5 WM-Titeln mit Schumacher und 1 WM-Titel mit Kimi Raikkoenen) sein Amt an Stefano Domenicali abgab, hat kein Ferrari-Pilot mehr den WM-Titel nach Maranello geholt. Fernando Alonso versuchte es von 2010 bis 2014 vergeblich, bis er die Scuderia mit den Worten verliess: „Ich bin es leid, immer nur Zweiter zu werden“.  Seit 2015 hat es Sebastian Vettel versucht, zuerst mit Maurizio Arrivabene, ab 2019 mit Mattia Binotto.

Unter Binottos noch kurze Ägide fällt zunächst einmal das verfehlte Management der Fahrer Vettel und Leclerc. Leclerc kam 2019 nach nur einer Saison F1 als Youngster zu Ferrari. Er hat sofort gezeigt, wie schnell er ist, was Vettel verunsicherte. Aber anstatt Vettel psychologisch zu stärken, liess Binotto Leclerc und die Dinge einfach laufen. Das Resultat war permanente Unruhe im Team: Misstrauen, Streitereien, die über den Funk ausgetragen wurden, die Kollision der Ferrari in Brasilien sowie drei Siege mit einem offenbar nicht reglementskonformen Motor. Dass man Leclerc im Winter 2019 einen neuen Vierjahresvertrag gab, ohne auch nur mit Vettel über die Zukunft zu sprechen, hätte dem Deutschen schon zu denken geben müssen. Guter Stil war es trotzdem nicht. Ferrari trat schon da längst nicht mehr als Team auf, sondern als Vulkan kurz vor der Eruption.

Wie kommt Ferrari wieder auf Erfolgsspur?


Jetzt, zu Beginn der F1 Saison 2020 spuckt der Vulkan Ferrari glühende Lava. Die roten Emotionen liegen blank und die Frage ist: wer bringt dieses Team wieder zur Ruhe und zurück auf die Erfolgsspur? Den offenbar problematischen 2020er Wagen SF1000 wird die Scuderia auch 2021 einsetzen müssen, weil das die F1-Eigentümer in Abstimmung mit der FIA und den F1-Teams aus Kostengründen so beschlossen haben. Ebenso  alarmierend für Ferrari: auch die Motorentwicklung wird schon 2020 eingefroren. Auch das hat F1-Eigentümer Liberty zusammen mit der FIA und den Teams aus Kostengründen beschlossen. Bedeutet: wenn sich die Probleme der italienischen Power-Unit nicht bald lösen lassen, dann wird Ferrari bis zum Auslaufen des derzeitigen Motor-Reglements 2025 mit einem PS-Nachteil an den Start gehen!

All das muss sich Binotto vorhalten lassen. Denn die Formel 1 ist neben der technischen Herausforderung und dem diffizilen Management des Teams und seiner Piloten vor allem ein sportpolitisches Haifischbecken. Hätte ein Toto Wolff bei den Verhandlungen mit FIA und Liberty derartige technische Nachteile für sein Team akzeptiert? Binotto hat Ferrari – wenn es schlecht läuft - potentiell erhebliche Nachteile eingehandelt, mit denen das Team in den kommenden Jahre leben muss.

Jetzt alles einfach so weiter laufen zu lassen, wäre fahrlässig. Die grosse Frage ist wer das Potential hat, als Teamchef für einen Neuanfang in die Fussstapfen eines Jean Todt zu treten?  Eigentlich kommt nur eine Persönlichkeit in Frage, die Erfahrung in der Führung eines F1-Teams hat. Denn die drei letzten – fachfremden - Ferrari-Teamchefs Mattiacci (kam 2014 von Ferrari-USA), Arrivabene (Werbemanager von Philip Morris) und Binotto (Ingenieur) waren in dem Job nicht erfolgreich. Soll man also bei der Suche nach dem neuen Teamchef bei der Konkurrenz wildern? Wer bietet sich da an?

Ein Christian Horner wird sich diesen Job nicht antun, Toto Wolff ebenso wenig, Andreas Seidl hat man verschmäht. Wenn man sich im Paddock umschaut, ist einer der wenigen, der das Format haben könnte, Alfa Romeo Teamchef Frederic Vasseur. Der 52 jährige Franzose hat in den letzten Jahren das Alfa- (Sauber) Team auf Vordermann gebracht. Die beste Saison der jüngeren Vergangenheit hatte das Team 2018 mit dem F1-Neuling Charles Leclerc. Der Monegasse hätte bestimmt nichts dagegen, wieder mit seinen Ex-Teamchef zusammenzuarbeiten...

Fragt sich nur, ob Frederic Vasseur überhaupt Lust auf den Höllenjob in Maranello hätte.
FIAT-Boss John Elkann müsste halt mal bei ihm anrufen...

Lukas Gorys

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