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Michael Masi hat als Renndirektor schwierige Entscheidungen zu treffen, er sollte sich während des Rennens von keiner Seite beeinflussen lassen, meinen F1 Insider wie Gorys
© Lukas Gorys | Zoom

F1 Insider Gorys stellt wichtigste Frage zum Formel 1 Dilemma: Welche Aufgaben hat ein FIA-Renndirektor?

Formel 1 Insider Lukas Gorys ist seit Jahrzehnten als Fotograf und Redakteur in der Königsklasse. Er hat schon sehr, sehr vieles bei den Rennen und drumherum erlebt. Da waren Spionagethriller, spektakuläre Unfälle - aber auch strategische Fehlentscheidungen waren immer mal wieder dabei. Seiner Meinung nach hätte der chaotische Ausgang der spannendsten F1 Saison seit langem vermieden werden können. Er fragt zu Recht: Was ist denn eigentlich die Aufgabe eines FIA-Renndirektors? Am Sonntag im letzten Rennen in Abu Dhabi bekamen die Fans einen Grand Prix geliefert, der zur ganzen Saison haargenau passte: Ein Kampf um die Weltmeisterschaft der zwei WM-Kandidaten Lewis Hamilton und Max Verstappen, die sich gegenseitig wie immer nichts schuldig blieben. Doch dann kam ein Safetycar mit nur noch vier Runden zu fahren - und damit begann die Tragödie, die nun noch sehr vielen Menschen schlaflose Nächte bereiten wird. Allen voran dem Mercedes AMG F1 Team und Lewis Hamilton . Wie bekommt man solch ein Desaster wieder in den Griff? Nachfolgend die Lukas Gorys Meinung...
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GP Abu Dhabi Ergebnis: Max Verstappen Formel 1 Weltmeister 2021! Mercedes Lewis Hamilton P2; Carlos Sainz Ferrari P3

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F1 Insider Lukas Gorys: Was ist eigentlich die Aufgabe des FIA-Renndirektors?


Im Fahrerlager von Abu Dhabi hatten nach dem Rennen längst Gabelstapler das Regiment übernommen. Denn wie immer nach einem Überseerennen wurden hektisch die grossen Transportboxen und Container der Teams durch die Boxengasse gefahren. Müde Mechaniker packten in grosser Eile das Material zusammen, auch wenn hier auf Yas Marina Island Anfang der Woche noch Testfahrten mit den neuen 18 Zoll Reifen/Felgen angesetzt sind, an denen bis auf Mercedes F1 Pilot Lewis Hamilton fast alle Fahrer teilnehmen.

Der neue Formel 1 Weltmeister 2021 ist Max Verstappen - aber kann er sich angesichts der Kontroversen darüber uneingeschränkt freuen?
© Lukas Gorys - Der neue Formel 1 Weltmeister 2021 ist Max Verstappen - aber kann er sich angesichts der Kontroversen darüber uneingeschränkt freuen?
So richtig Lust auf Party nach dem Saisonfinale hatte am Sonntag Abend eigentlich niemand mehr. Die meisten wollten ins Bett, ein paar freuten sich auf den Heimflug am Montag morgen. Nur wenige gingen auf Saisonfinal-Parties - von der Formel1 aber wollte keiner mehr etwas hören. Nur noch vereinzelt sprangen ein paar Journalisten und TV-Reporter durch das dunkle Fahrerlager, denn bei der Rennleitung wurde noch lange nach dem Zieleinlauf über die beiden Mercedes-Proteste verhandelt.

Solange die Entscheidung bzgl. der Protestes von Mercedes aber nicht feststand, gab es kein offizielles Resultat und solange konnte sich Red Bull und Max Verstappen noch nicht so richtig über den WM-Titel 2021 freuen. Erst um 23.03 Uhr Ortszeit verkündete man, dass beide Mercedes-Proteste abgewiesen  wurden. Der eine Protest richtete sich gegen Max Verstappen und war relativ leicht abzuschmettern (Verstappen war gegen Ende der Safetycar-Phase kurzzeitig vor Lewis Hamilton gefahren, was nicht erlaubt ist), obwohl Michael Schumacher wegen einer ähnlichen Situation mal in Silverstone ein Rennen verloren hat!

2 Fehler des Rennleiters Michael Masi führten zum folgenden Desaster im F1 Finale


Komplizierter war der Protest von Mercedes gegen die Verletzung des Paragrafen 48.12 des Sportlichen Reglements. Hier wurden meiner Meinung nach von Rennleiter Michael Masi zwei Fehler gemacht: Zuerst liess er keinen der überrundeten Fahrer den zu der Zeit führenden Lewis Hamilton und das Safetycar überholen. Damit befanden sich 5 Autos zwischen dem Mercedes von Lewis Hamilton und dem Red Bull von Max Verstappen.

Dann – und das ist ein Skandal für sich - ließ sich Michael Masi von Red Bull Teamchef Christian Horner per Funk aufschwatzen dass es doch klüger wäre, die fünf Piloten vorbeizulassen, damit bei einem Re-Start niemand zwischen Hamilton und Verstappen liegt. Dabei  "vergaß" aber Masi, dass hinter Verstappen drei weitere Überrundete lagen, die eigentlich auch hätten vorbeifahren dürfen.

Red Bull argumentierte dann bei der Verhandlung, dass es im Reglement „any“ und nicht „all“ heiße. Wer so argumentiert, muss sich nicht darüber echauffieren, dass Mercedes in Abu Dhabi im Fahrerlager einen Anwalt dabei hatte. Auf einem Unterschied zwischen den Worten „any“ und „all“ zu beharren, hat Red Bull wahrscheinlich ein Anwalt eingeflüstert, der per Internet zugeschaltet war.   

Zweiter Fehler Masis: Im Reglement steht in 48.12 klar: „Sobald der letzte überrundete Wagen den Führenden und das Safetycar überholt hat, kehrt am Ende der folgenden Runde das Safetycar an die Boxen zurück". Die folgende Runde wäre aber das Rennende gewesen. Also wäre das Rennen unter Safetycar beendet worden.In der Begründung für die Ablehnung des Protests wird mit Paragraf 15.3 argumentiert. Dieser gibt dem Renndirektor eine “overriding authority”. Also: wenn Masi eine Entscheidung trifft, dann gilt sie, auch wenn sie falsch ist.

Das gibt Michael Masi quasi das Recht, Renngott zu spielen.


Denn genau das tat der Australier am vergangenen Sonntag nach meiner Meinung. Er wusste genau, wenn er die 58. und letzte Runde freigibt und keine Überrundeten mehr als Puffer zwischen Hamilton und Verstappen liegen, dann hat Verstappen aufgrund seiner neuen Soft-Reifen freie Bahn, um Hamilton zu überholen und Formel 1 Weltmeister 2021 zu werden! So, als ob im Fussball-WM-Finale in der 125. Minute der Verlängerung eine Mannschaft 2:1 führt, aber keinen Torhüter mehr hat. Gibt der Schiedsrichter jetzt einen Elfmeter, dann steht es 2:2 und das folgende Elfmeterschießen gewinnt die Mannschaft mit Torhüter... 

Michael Masi hat ab der 54. Runde Renngott gespielt. Er wollte für die Final-Show der Formel1 Saison 2021 ein ultimatives Highlight setzen. Er ließ sich von Red Bull in seine Entscheidungen beeinflussen und hatte es dann plötzlich eilig, das Safetycar entgegen den Regeln eine Runde zu früh reinzurufen. Nur um der ganzen Welt und den Fans die ultimative Show einer letzten Runde mit völlig unterschiedlichen technischen Waffen (abgefahrene harte Reifen bei Hamilton, brandneue Softreifen bei Verstappen) zu präsentieren?

Das Ergebnis, das Renngott Masi produzierte, war vorherzusehen. Dass dagegen von Mercedes Sturm gelaufen wird, ebenso. Wollte Masi der Welt einen letzten Shoot-Out schenken? Frage: Ist das wirklich seine Aufgabe? Ist ein Renndirektor nicht viel mehr für einen reibungslosen, sicheren Ablauf des Rennens verantwortlich?? Die gerechtere Variante wäre gewesen das Rennen mit roter Flagge zu unterbrechen und die Rennwagen in der Boxengasse warten zu lassen. Denn dann hätte Hamilton ebenfalls Soft-Reifen aufziehen können und die beiden WM-Kämpfer hätten ihr letztes Duell mit gleichen Waffen ausfechten können.

Vielleicht hätte Max Verstappen dann trotzdem gewonnen, aber den Vorwurf von Mercedes und Hamilton, dass dieses Formel 1 Finale manipuliert ist, hätte es garantiert nicht gegeben.   Wenn Mercedes wirklich in Revision geht und diesen Fall vor ein Sport-Gericht zerrt, hat Michael Masi der Formel1 einen Bärendienst erwiesen.

Ein faires Urteil der Revisions-Richter kann es nicht geben...


Es war schon toll, dass beide WM-Kandidaten mit gleicher Punktzahl zum Finale kamen, es war faszinierend, dass sie das Rennen von P1 und P2 starteten, es war atemberaubend anzusehen, mit welchem Kanonenstart Hamilton Verstappen noch einmal den Meister zeigte. Kein F1 Fan konnte sich während des Rennens am vergangenen Sonntag vom Fernseher lösen, es war auch ohne die skandalösen Vorgänge um die letzten vier Runden ein echtes Hitchcock-Finale.

Wenn Menschen aber Gott spielen, geht das meistens in die Hose. Michael Masis Renngott-Spiel hat zu einem unwürdigen Ende der faszinierendsten Formel1 Saison seit vielen Jahren geführt. Das schlimme dabei ist: egal wie die Revisions-Richter am Ende entscheiden, gerecht und sportlich-fair wird dieses Urteil nicht sein können. 
 

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Lukas Gorys

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