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Das Urteil über die Rückkehr der Formel 1 nach Zandvoort
© AFP/SID/ANDREJ ISAKOVIC | Zoom

Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Zandvoort

Max Verstappen hat sein Heimrennen in den Niederlanden gewonnen und die WM-Führung von Lewis Hamilton übernommen.

Zandvoort (SID) - MAX VERSTAPPEN: Druck? Für Max Verstappen offenkundig kein großes Thema. Der 23-jährige Niederländer schob den Hype um seine Person beim Comeback seines Heimrennens einfach beiseite. Ein ganzes Land erwartete den Sieg von seinem Liebling, und der lieferte wie selbstverständlich - die WM-Führung gab es gleich obendrauf. Mehr denn je versetzte Verstappen seine Fans in einen Freudentaumel, die Grenzen zwischen Motorsport und Party verschwammen. Nicht auszudenken, wenn der Mann Weltmeister wird.

LEWIS HAMILTON: Der amtierende Titelträger und Rekordchampion kämpfte. Im Training, in dem ihn die Technik im Stich ließ. Im Qualifying, in dem er Verstappen fast noch die Pole Position wegschnappte. Und im Rennen, in dem der Engländer und Mercedes nichts unversucht ließen, um den schnelleren Verstappen irgendwie zu schlagen. Nüchtern muss man analysieren: Letztmals waren Hamilton und Mercedes im Mai in Spanien die stärkste Kraft. Es scheint, als wäre der Titel für Fahrer und Team in diesem Jahr unter normalen Umständen nicht erfolgreich zu verteidigen.

VALTTERI BOTTAS: Dass die Tage des Finnen bei Mercedes am Saisonende gezählt sind, deutet sich mehr als nur an. Und so wirkte es wie ein kleiner Racheakt, als Bottas sich kurz vor Rennende mit frischen Reifen die schnellste Rennrunde holte - obwohl der Kommandostand ihm dies ausdrücklich untersagte, weil Teamkollege Hamilton den Bonuspunkt im Titelrennen sehr viel mehr benötigte. Bottas ging zwar etwas vom Gas, die schnellste Rennrunde drehte er dennoch. Und so musste Hamilton in der letzten Runde unnötig viel riskieren. Öffentliche Schelte blieb Bottas im Nachgang erspart. Womöglich war es ein letzter Dank für jahrelange Loyalität.

MICK SCHUMACHER/NIKITA MASEPIN: Teamkollegen in der Formel 1 sind keine dicken Freunde, das liegt in der Natur der Sache. Doch es ist schon beachtlich, mit welch harten Bandagen die beiden Haas-Piloten miteinander umgehen - verbal und auf der Strecke. In Zandvoort wurde die nächste Eskalationsstufe erreicht. Masepin fühlte sich von Schumacher im Qualifying unfair behandelt und bedachte den Deutschen im Nachgang mit unflätigen Worten. Im Rennen verteidigte er sich hart bis unfair gegen Schumacher. Dieser hat seine Diplomatie mittlerweile auch abgelegt. Schumacher und Masepin, die im Normalfall die letzten beiden Plätze unter sich ausmachen, sind mittlerweile eine explosive Kombination. Ihr Konflikt bedroht den Erfolg des Teams, das ja 2022 das Ende des Feldes verlassen und auch mal um Punkte fahren will. Teamchef Günther Steiner beschwichtigt weiterhin, doch mehr und mehr bahnt sich an, dass er sich für einen der beiden entscheiden muss.

SEBASTIAN VETTEL: Vergleichsweise emotionslos verlief das Wochenende von Sebastian Vettel. Sein Aston Martin funktionierte in Zandvoort nicht wie gewünscht, auch ohne die Behinderung durch die beiden Haas-Piloten im Qualifying wäre ein Top-Ten-Ergebnis kaum möglich gewesen. Vettels Analysen fielen schmallippig und fast schon leblos aus. Manch einer wundert sich, warum der Ex-Weltmeister noch nicht offiziell für 2022 bestätigt wurde. Womöglich hängt Vettels Zukunft von der von Teamchef Otmar Szafnauer ab. Der wiederum muss Ergebnisse liefern, um Rennstallbesitzer Lawrence Stroll bei Laune zu halten.

ZANDVOORT: Der Formel-1-Kalender bietet einige Highlights. Selten aber ragte ein Event so heraus wie das Comeback des Großen Preises der Niederlande nach 36 Jahren. Beflügelt vom Verstappen-Hype feierten die 70.000 Fans in Zandvoort eine Dauerparty. Die Stimmung kochte über und übertrug sich auf sämtliche Fahrer. Selbst Hamilton, der aus Silverstone einiges gewohnt ist, gingen die Superlative aus. Auch der aufpolierte Old-School-Kurs in Zandvoort fand unzählige Verehrer, nicht nur wegen der in der Formel 1 einzigartigen Steilkurven. Außerhalb des "Kernmarktes" Europa mag die Königsklasse höhere Antrittsgagen kassieren - doch Wochenenden wie das abgelaufene sind für den PS-Zirkus mit Geld nicht aufzuwiegen.

SPRUCH DES WOCHENENDES: "Max war wie eine Rakete am Start. Er war einfach auf und davon." (Hamilton über Verstappen)

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