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Le Mans 1998, 6./7. Juni, Laurent Aiello, Allan McNish, Stéphane Ortelli, Porsche 911 GT1
© Porsche | Zoom

Horst Bernhardt erinnert an den extremsten Porsche der je auf die Räder gestellt wurde - Porsche 911 GT1

Da aktuell aufgrund der Corona-Situation sich im Motorsport kein Rad dreht, erinnern wir in einer neuen Serie in lockerer Folge an legendäre Rennen, Fahrer und Rennautos. Wir wünschen ihnen beim lesen viel Spass und etwas Ablenkung von der doch sehr kritischen Situation. Bleiben Sie gesund!

Heute erinnern wir an den extremsten 911 den Porsche je auf die Räder gestellt hat, den 911 GT1 Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erfuhr der GT Sport einen wahren Boom und etablierte sich in Le Mans als die Top Klasse. 1995 gewannen Yannck Dalmas/J.J. Lehto und Masanari Sekiya im McLaren F1 GTR mit BMW V12 Motor das Rennen. Porsche hatte zu der Zeit keine adäquate Waffe im Kampf um Gesamtsiege und in Zuffenhausen fiel die Entscheidung ein geeignetes Auto zu entwickeln. Vom ersten Bleistiftstrich bis zum Rollout in Weissach vergingen lediglich 234 Tage und das Ergebnis war ein in zweifacher Hinsicht revolutionäres Auto. Beim GT1 verabschiedete sich Porsche vom Heckmotor und baute erstmalig ein Fahrzeug mit Mittelmotor. Das zweite Novum: der Boxermotor war vollständig flüssigkeitsgekühlt. Der 6-Zylinder Turbomotor hatte 3162 ccm Hubraum und gab 600 PS Leistung an die Hinterräder des 911 GT1 ab.

Der GT1 am Nürburgring 1997
Der GT1 am Nürburgring 1997
© Speedpictures


Für die Homologation mußte Porsche 25 Exemplare des Modells als Straßenzugelassene Version bauen. Die zum Preis von 1,5 Millionen DM angebotenen Fahrzeuge waren innerhalb weniger Tage verkauft. Das Straßenmodell des GT1 war mit 1150 kg rund 100 kg schwerer als die Rennversion und der 4-Ventil Motor hatte eine Leistung von 544 PS.
 
Beim Renneinsatz in Le Mans wurden die in den GT1 gesetzten Erwartungen dann auch erfolgreich umgesetzt. Doppelsieg in der GT1 Klasse durch H-J. Stuck/T. Boutsen/B.Wollek und K.Wendlinger/Y.Dalmas/S.Goodyear.
 
Norbert Singer, verantwortlich für die Konstruktion des GT1 und Fahrer Thierry Boutsen
Norbert Singer, verantwortlich für die Konstruktion des GT1 und Fahrer Thierry Boutsen
© Speedpictures
Für die Saison 1997 setzte Porsche auf eine optimierte Version, den GT1 Evo. Im Gegensatz zum Vorjahr ist das Sechsgang-Getriebe nun sequentiell zu schalten und im Bereich der Aerodynamik wurde vor allem der Unterboden überarbeitet. Das Chassis stellt wie beim 96er Modell eine Kombination von 911 Vorderwagen mit einer Rahmenkonstruktion für Motor, Getriebe und Hinterachse dar. Beim Motor setzte man weiterhin auf den 6-Zylinder Doppelturbo. Unter den Fachleuten bestand kein Zweifel, das der Le Mans Sieg 1997 nur mit einem GT1-Fahrzeug zu erringen war.

Im Rennen sah es dann auch bis zwei Stunden vor Ende nach einem sicheren Erfolg des GT1 Evo aus. Am frühen Sonntagmorgen unterlief Bob Wollek in Führung liegend ein Fehler: auf einem feuchten Randstein verlor er das Heck seines 911 GT1 und die Hoffnung auf den Le Mans Sieg war dahin. Es übernahm nun der zweite vom Werk eingesetzte 911 GT1 die Leaderrolle. Hier schlug der Defektteufel zwei Stunden vor Rennende unbarmherzig zu. Mit Ralf Kelleners am Steuer fiel das Auto mit geborstener Ölleitung spektakulär mit Feuer im Heck am Ende der Hunaudieres Geraden aus. Wie im Vorjahr gewann der offene Jöst WSC-Porsche Prototyp das Rennen.
 
Die 98er Version von Zakspeed
Die 98er Version von Zakspeed
© Speedpictures
Im Folgejahr sollte es dann endlich mit dem Gesamtsieg für den GT1 von Porsche klappen. Der 911 GT1 des Jahrgangs 1998 war eine Neukonstruktion und verfügte nun über ein Vollmonoquoce aus Kohlefaser, über das eine Kunstoffkarosserie gestülpt wurde. Reglementbedingt sank die Motorleistung auf 550 PS. Gegenüber den Vorgänger-Modellen konnten die Ingenieure rund 80 kg einsparen. Der Rennfertige Wagen brachte nur 970 kg auf die Waage. Erstmals wurden Kohlefaser-Keramik Bremsen eingesetzt. Werksteams von BMW, Nissan, Toyota und Mercedes wollten ebenso wie Porsche den Sieg beim Prestigeträchtigen 24 Stunden Rennen von Le Mans nach haus fahren. Aber beim 50jährigen Firmenjubiläum machte sich Porsche das schönste Geburtstagsgeschenk und fuhr einen Doppelsieg in Le Mans ein. Natürlich stand man bei Porsche unter Druck, aber man blieb wie gewohnt ruhig und bereitete sich akribisch auf das Rennen vor. So sagte der damalige Rennleiter Herbert Ampferer nach der Mercedes Pole-Position durch Bernd Schneider im CLK-LM: „Eine schnelle Qualy-Runde ist eine Sache, die meisten Runden nach 24 Stunden eine andere.“ Und er sollte Recht behalten. Die Porsche Konkurrenten mussten allesamt Federn lassen und hatten im Kampf um den Sieg keine Chance. Am Ende fuhr Porsche durch Laurent Aiello/Allan McNish/Stephane Ortelli mit einer Runde Vorsprung vor Jörg Müller/Uwe Alzen/Bob Wollek den Doppelerfolg ein.

Allan McNish im Werks GT1 in Oschersleben
Allan McNish im Werks GT1 in Oschersleben
 © Speedpictures
 
 
Nach der Saison 1998 wurde die GT1-Klasse aufgrund ausufernder Kosten eingestellt und Porsche zog sich für viele Jahre aus der Top-Klasse im Langstreckensport zurück.
 
Neben dem Werk wurde der 911 GT1 von bekannten Teams wie BMS Scuderia Italia, Champion, Konrad, Schübel, Kremer, Rook und Zakspeed in der FIA GT-Meisterschaft und der amerikanischen IMSA-Sportwagenmeisterschaft eingesetzt.

Horst Bernhardt