03.07.2010
(Speed-Magazin) Fünf von zehn Rennwochenenden in der britischen Tourenwagenmeisterschaft sind absolviert und die Rückkehr von Matt Neal ins Team Dynamics scheint dem Altmeister zu schmecken. Er führt die Tabelle nach den Rennen in Croft an, aber die Konkurrenz steckt nicht auf.
Als der BTCC-Tross Anfang April zum Saisonstart nach Thruxton kam, schwebten einige Fragezeichen über dem Fahrerlager. Wer würde über den Winter am besten entwickelt haben? Das Team Dynamics mit dem in allen Bereichen überarbeiteten Honda Civic? Oder das Team Aon Ford, das den mutigen Schritt gewagt hat, einen LPG-Motor im Ford Focus zu verbauen? Hochfavorisiert auf den Meistertitel ging jedenfalls Jason Plato im werksunterstützten Chevrolet Cruze des Teams RML/Silverline an den Start, aber im Qualifying schaffte er den Sprung in die Top3 nicht. In Abwesenheit des amtierenden Meisters Colin Turkington war es Gordon Shedden (Team Dynamics), der sich den Platz an der Sonne sicherte und bereits aufzeigte, dass mit dem „neuen“ Civic zu rechnen ist. Aber typisch für Thruxton zerbrach bei vielen Fahrern der linke Vorderreifen unter der Highspeed-Belastung und sorgte für einen nicht überraschenden, aber trotzdem unerwarteten ersten Tabellenführer Fabrizio Giovanardi, der mit seinem Triple Eight Vauxhall Vectra zwei Siege und Platz fünf verbuchen konnte. Es blieb aber aufgrund von Budgetproblemen der bisher einzige Auftritt des Meisters von 2007 und 2008.
In Rockingham drei Wochen später sah zunächst alles nach einer Ford-Show aus, denn auf der langen Geraden durchs Trioval sah die Konkurrenz gegen den Flüssiggas-Zweiliter-Turbo kein Land. Nur die abtrocknenden Streckenverhältnisse in Verbindung mit einer falschen Reifenwahl am Ford brachten letztlich Matt Neal mit der Erfahrung von über 400 BTCC-Rennen als klaren Rennsieger hervor. Teamkollege Shedden und Chevrolet-Pilot Jason Plato komplettierten das Podium. Rennen zwei endete mit dem ersten Saisonsieg für Plato, Rennen drei ging wiederum an Matt Neal, aber Jason Plato reiste als Tabellenführer aus Rockingham ab.
Tom Onslow-Cole ist bester Privatier nach 15 von 30 Rennen
In Brands Hatch wurde dann Tom Chilton zum (tragischen) Star. Nach der Pole Position folgte im verregneten ersten Lauf auch der Rennsieg, der erste seit zehn Jahren für Ford in der BTCC! Auch Rennen zwei bei genau so britischen Wetterverhältnissen war Chilton-Land, aber es folgte eine Disqualifikation aufgrund zu niedriger Bodenfreiheit. Nutznießer war Chiltons Aon-Teamkollege Tom Onslow-Cole, der seinen ersten Sieg überhaupt feiern durfte. Rennen drei hingegen sah BMW-Rückkehrer Mat Jackson vom Team Airwaves als Sieger, der sich bei abtrocknender Piste auf Regenreifen der Konkurrenz erwehren musste. Matt Neal, der auf Slicks von ganz hinten ins Rennen gestartet war, tankte sich durchs ganze Feld und war am Schluss deutlich schneller als Jackson, seinen zweiten Saisonsieg verpasste er nach einer sehenswerten Aufholjagd um ganze 0,5 Sekunden.
Dramatik pur dann bei den Rennen in Oulton Park, denn schon im Qualifying zeichnete sich mit einem Abstand von 0,069 Sekunden zwischen Platz eins und vier ein spannender Rennsonntag ab. Tom Chilton, der sich die Pole Position sichern konnte, war auch im ersten Lauf nicht zu überholen. Gordon Shedden als hartnäckiger Verfolger zeigte aber mit einer deutlich schnelleren Pace, dass der Ford Focus sich nur durch die turbobevorteilten Zwischensprints von Kurve zu Kurve retten konnte. Rennen zwei sah mit Jason Plato einen Rennsieger, der vom neunten Startplatz ins Rennen gegangen war, ein ähnliches Bild auch in Rennen drei: Hier war es Matt Neal, der sich vom achten Platz bis ganz nach vorne schieben konnte.
Zeigt er auch am Ende allen die lange Nase? 1,98m-Mann Matt Neal will seinen dritten Titel
So fuhr Neal auch als Tabellenführer zur fünften Saisonstation nach Croft, wo es zunächst wieder nach einer Demonstration von Ford aussah. Polesetter Tom Chilton hatte aber einen Reifenschaden zu beklagen, wodurch Gordon Shedden lange Zeit wie der sichere Sieger aussah. Aber Rob Collard, Rückkehrer ins Team WSR, spielte zum Rennende den Reifenvorteil seines BMW gnadenlos aus und zwang den Schotten in ein haarsträubendes Finish. Beim Kopf-an-Kopf-Sprint zur Ziellinie behielt Shedden mit nur 0,035 Sekunden die Oberhand. Beinahe komfortabel erging es Shedden da im zweiten Lauf, wo er erneut den Rennsieg einfahren konnte, diesmal vor Teamkollege und Meisterschaftsleader Matt Neal, der nur eine Runde lang führen durfte, um den Extrapunkt für die Rennführung einzustreichen. Platz drei ging an dessen härtesten Rivalen Jason Plato. Die beiden Hauptakteure im Meisterschaftskampf hatten im dritten Rennlauf aber kein Glück und blieben punktlos. Andrew Jordan hingegen, im vergangenen Jahr noch Vauxhall-Werkspilot, fuhr im privat eingesetzten PIRTEK Vauxhall Vectra seinen ersten Sieg und auch den Premierensieg für ein Fahrzeug mit NGTC-Motor ein. Damit schreibt der 21-jährige Sohn von Mike Jordan Geschichte, denn für 2011 ist für die BTCC der komplette Umstieg aufs kostengünstigere NGTC-Reglement geplant, während in dieser Saison noch S2000-, BTC- und NGTC-Autos gemeinsam um Rennsiege kämpfen.
Rekord: Paul O´Neill kämpfte sich als einziger Fahrer bisher in jedem Event aufs Podium
Die Zeit bis zum 8. August, wenn es auf der Traditionsstrecke in Snetterton in die zweite Saisonhälfte geht, überdauert Matt Neal mit 119 Punkten als Tabellenführer, dicht gefolgt von Jason Plato mit 111. Gordon Shedden hat sich mit bislang 100 Zählern auf dem dritten Platz festgesetzt. Bester Nicht-Werksfahrer ist Ford-Pilot Tom Onslow-Cole mit 97 Punkten, der mit 125 Punkten auch die Independents-Wertung anführt. Steven Kane vom Team WSR folgt aber mit nur zwei Zählern weniger in dichtem Abstand. Auch Paul O´Neill (Tech-Speed Honda Integra, 116) und Mat Jackson (105) sind dabei noch in Schlagdistanz.
Angesichts der bisher gebotenen Dramatik lohnt sich also auch in diesem Jahr der Blick auf die Insel ganz besonders. Dass sich das Herzschlagfinale aus 2009 noch einmal toppen lässt, darf bezweifelt werden, aber es läuft vor allem auf den Kampf der Titanen heraus: Matt Neal gegen Jason Plato, Honda gegen Chevrolet, 420 gegen 321 BTCC-Rennen Erfahrung. Neal jagt seinen dritten und Plato seinen zweiten BTCC-Titel - der Halbzeittitel geht an Neal, aber abgerechnet wird erst nach 30 Rennen!