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FIA WEC: Die Le-Mans-Sieger sind die neuen Weltmeister

20.11.2016 (Speed-Magazin.de) Beim Sechsstundenrennen in Bahrain hat sich das Porsche-Trio Romain Dumas (FR), Neel Jani (CH) und Marc Lieb (DE) den Fahrertitel in der FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC gesichert. Die diesjaehrigen Le-Mans-Sieger kamen im Finale der WEC als Sechste ins Ziel und verteidigten damit ihre Führung in der Tabelle. 2016 gewannen Dumas/Jani/Lieb die Rennen in Silverstone und in Le Mans. 

„Ein großartiger Saisonabschluss für Porsche! Und ein riesiger Erfolg für Romain Dumas, Marc Lieb und Neel Jani!“, freute sich Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG. „Ich gratuliere von ganzem Herzen. Nachdem die drei im Juni in Le Mans siegen konnten und das LMP1-Team die Hersteller-Weltmeisterschaft bereits in Shanghai verteidigte, krönt der Fahrertitel eine anspruchsvolle WEC-Saison. Porsche konnte damit nach 2015 erneut alle Titel einfahren. Ich bin sehr stolz auf das Engagement jedes Einzelnen im Team. Mein Respekt!“

Dumas/Jani/Lieb teilen sich bereits in der dritten Saison das Cockpit eines Porsche 919 Hybrid. Von 2014 bis heute setzten sie Meilensteine, erlebten Höhen und Tiefen. 2014 holten sie die ersten drei Polepositions in der Erfolgsgeschichte des innovativen Le-Mans-Prototypen. Im Finale der Debütsaison 2014 errangen sie in Brasilien den ersten Sieg für den 919. Sie wurden Dritte in der Fahrer-WM 2014. Auch 2015 lautete die Bilanz: drei Polepositions und ein Sieg sowie wiederum Platz drei in der Fahrer-WM. Der Sieg des Trios im Herzschlag-Finale 2015 in Bahrain ermöglichte der Besatzung des Schwester-Porsche damals den Titelgewinn.

© Porsche | Zoom
Stimmen der Weltmeister:
Romain Dumas (38): „Besser als die Saison als Weltmeister zu beenden, geht es nicht. Davon träumt man, wenn das neue Jahr beginnt. Der Erfolg kommt zu einem ganz großen Teil von tollen Teamkollegen und einem sehr guten Team mit ausgezeichneten Ingenieuren. Jeder arbeitet sehr hart. Auch wenn wir zum Schluss nicht die Ergebnisse hatten, die wir uns gewünscht hätten, haben wir eben doch gute Arbeit geleistet. Wir waren konstant da, und das ist auch wichtig im Langstreckensport.“

Neel Jani (32): „Le Mans und der WM-Titel – das war ein unglaubliches Jahr, das werde ich nie vergessen. Es gibt nichts Besseres, als beides in einer Saison zu gewinnen. Es war zwar mühsam nach Le Mans, aber wir haben es geschafft und das ist alles, was zählt.“

Marc Lieb (36): „Es war ein schwieriges Jahr. Wir hatten nach dem Sieg in Silverstone und dem dramatischen Erfolg in Le Mans – der für uns und unsere Meisterschaftsambitionen natürlich super war – viel Pech und keine richtigen Einzelerfolge mehr, sondern mussten Punkte sammeln und mitnehmen wie ein Hamster. Darum ist es jetzt umso schöner, mit dem Weltmeistertitel nach Hause zu gehen. Porsche hat in diesem Jahr wieder alles gewonnen, die 24 Stunden von Le Mans, die Herstellermeisterschaft und den Fahrertitel. Es ist schön, einen Teil hierzu beigetragen zu haben. Als gebürtiger Stuttgarter macht mich das unheimlich stolz. Es gemeinsam mit Porsche erleben zu dürfen, ist ein Traum, der heute in Erfüllung ging.“

Die Weltmeister im Kurzportrait:
Romain Dumas...
... kann nie genug bekommen. Eine volle Saison in der FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft als Porsche-Werksfahrer inklusive der 24 Stunden von Le Mans lasten ihn einfach nicht aus. Zwischendurch kämpft er sich durch die Rallye Dakar und bestreitet Läufe zur Rallye-Welt- oder Europameisterschaft. 2014 und 2016 gewann er mit einem Prototypen das berühmte Bergrennen am Pikes Peak in Colorado, USA. „Ich verpulvere das Geld, das ich als Werksfahrer verdiene, in Privateinsätzen“, gibt der Mann aus Alès im Süden der französischen Cevennen zu.

Was hätte auch sonst aus ihm werden sollen? Porsche und der Rennsport saßen mit Papa schon an der Wiege. Der Senior fuhr in der Berg-Europameisterschaft. „Ich war noch klein, da hat mein Vater mich in einen 962 gesetzt, einen Le-Mans-Rennwagen. Er schloss die Tür, und ich dachte: Wow, ist das ein Flugzeug?“ Derartige frühkindliche Erziehung wird auch dem kleinen Gabin zuteil, der das Leben von Elysia und Romain seit 2013 bereichert. Auf Romains Fotos übt der Fratz das Stehen – auf dem Fahrersitz eines Renn-Elfers, das Lenkrad fest im Griff. Er kam am 9.11. zur Welt.

© Porsche | Zoom
Acht Gesamtsiege bei 24-Stunden-Rennen gehen auf das Konto von Romain Dumas, der jüngste ist der diesjährige Le-Mans-Erfolg im Porsche 919 Hybrid. 2010 siegte er dort im Audi an der Seite von Timo Bernhard und Mike Rockenfeller, vier Gesamtsiege holte er auf der Nürburgring-Nordschleife und zwei in Spa. Jetzt ist er das erste Mal Weltmeister.

Le Mans nennt Romain Dumas seine zweite Heimat. Als 16-Jähriger gewann er hier einen Nachwuchswettbewerb – und blieb. Er ging in Le Mans zur Schule, fand Freunde und Sponsoren, machte den Führerschein. Seitdem holt er jedes Jahr seine Rennfahrerlizenz beim Automobile Club de l’Ouest (ACO) ab, dem Veranstalter des 24-Stunden-Rennens. Le Mans ist immer anders, immer dramatisch. Hier trifft der mediterrane Überflieger auf atlantische Tiefausläufer. Es regnet gern und ausgiebig bei den 24 Stunden. Dumas kennt das in allen Facetten. 2016 war sein 16. Start an der Sarthe. „Le Mans ist das Größte“, sagt er. „Du musst schnell sein, ja. Aber auch ein Teamspieler, umsichtig mit dem Auto, und du brauchst die beste Mannschaft. Wenn nur einer dieser Punkte nicht stimmt, wird es nichts.“

Neel Jani...
... glaubt an Karma. Daran, dass er 2016 zurück bekam, was er vorher gab. Der Schweizer mit indischen Wurzeln wirkt ein bisschen so, wie Rennfahrer angeblich früher einmal waren: eher Lebemann als Roboter, eher lässig als verbissen. Jedenfalls außerhalb des Cockpits.

Wochenendausflüge im Porsche waren schon immer seine Leidenschaft. „Ich habe tolle Kindheitserinnerungen“, sagt Jani, „sonntags kletterten meine Schwester Reena und ich im 911 2.7 RS meines Vaters auf den Rücksitz, und er fuhr uns spazieren. Diese Ausflüge waren das Größte für uns. Später mussten wir den Wagen leider verkaufen, weil meine Rennerei so teuer war.“

Über die Formel Renault, GP-2- und A1GP-Serie marschierte Jani Richtung Formel 1. 2004 testete er erstmals für Red Bull Racing, 2006 wurde er Ersatzmann beim Schwesterteam Toro Rosso. Er bestritt Testtage, Demofahrten und fuhr Rennen in der amerikanischen Champ-Car-Serie und in der A1GP-Serie. 2008 war er Gaststarter im Porsche Supercup. „Das Rennen beendete ich leider nicht“, erinnert er sich, „aber ich durfte zwei Wochen lang einen 911 GT3 RS fahren. Das war für mich als 24-Jährigen schon ein Erlebnis. Das Auto hat dermaßen viel Power und lässt sich dabei so präzise steuern, absolut beeindruckend.“ Präzision und Kalkulation gehören zu ihm. Auf die Frage, was er wohl beruflich geworden wäre, wenn nicht Rennfahrer, sagt er: „Buchhalter. Ich mag Zahlen.“

2009 startete er zum ersten Mal in Le Mans und seither jedes Jahr – bis einschließlich 2013 mit Rebellion in der LMP1-Klasse. 2011 gewann er mit dem Team die Le Mans Series, 2012 schrammte er als Gesamtvierter am Podium in Le Mans vorbei. 2012 und 2013 siegte er beim Zehnstundenrennen in Road Atlanta, besser bekannt als „Petit Le Mans“. Seit Juni 2013 ist er Porsche-Werksfahrer. „Es war eine unglaubliche Chance, beim LMP1-Programm von Anfang an dabei sein zu können“, sagt er. „Das Niveau in der WEC ist technisch und fahrerisch Weltklasse, und wenn ich an Porsche denke, denke ich an Rennwagen. Da passt alles zusammen.“

Trauert er seiner Formel-1-Zeit nach? „Absolut nicht, denn es kommt immer so, wie es für einen am besten ist. Ich belasse es bei den schönen Erinnerungen.“ Die schönste davon hat er geheiratet: Lauren aus Indianapolis. Es kann auch ein gutes Karma entstehen, wenn man an einem Grand-Prix-Wochenende nur im Freitagstraining eingesetzt wird und den Rest frei hat.

© Porsche | Zoom
Marc Lieb...
... ist der beharrliche Analytiker des Fahrertrios. Als 20-Jähriger gewann der gebürtige Stuttgarter die Porsche-Junior-Fahrerauswahl. Seither feierte er mit Porsche Erfolge in aller Welt, darunter sechs Gesamtsiege bei 24-Stunden-Rennen: vier Mal Nürburgring, einmal Spa, 2016 Le Mans. Damit ging ein Lebenstraum in Erfüllung. Seit 2003 startet er in Le Mans, wurde dort mehrfach GT-Klassensieger. Seit 2014 tritt er mit Porsche in der Topkategorie LMP1 an. Nun ist er Weltmeister.

Marc wirkt lieb. Das Rennfahrerleben mit exotischen Einsätzen rund um den Globus konnte seiner Bodenständigkeit nichts anhaben. Er will seinen beiden Söhnen weitergeben, was er erfuhr. Mit seinem Vater, gelernter Kfz-Mechaniker bei Porsche, tourte er im VW-Bus zu Kartbahnen. Später holten Vater und Sohn die letzten Zehntelsekunden aus veralteten Formel-Rennwagen heraus. Ein aktuelles Auto war nicht drin, größere Schäden auch nicht. Der behutsame Umgang mit dem Material entschied über alles oder nichts. Schnell sein musste er trotzdem. Kann es eine bessere Ausbildung für einen Langstreckenpiloten geben?

Nach der Berufung zum Porsche-Junior gewann er den Carrera Cup Deutschland und stieg zum Werksfahrer auf. Aber Lieb wollte nicht nur auf einem Bein stehen. In sieben Semestern wurde er an der Fachhochschule Esslingen Fahrzeugtechnik-Ingenieur mit einer Abschlussarbeit zum Thema Differenzialsperre. Während des Studiums holte er internationale GT2-Titel und Siege auf der Nürburgring-Nordschleife. Er heiratete, sein erster Sohn wurde geboren. Immer wieder ergänzen sich scheinbare Gegensätze in Marc Liebs Leben. Die große bunte Rennwelt in den USA, der Rückzug zur jungen Familie daheim. Leidenschaftliche Kampfbereitschaft als Fahrer, nüchterne Analyse als Ingenieur. Die Kombination aus theoretischem Wissen und praktischer Fahrzeugkontrolle sind für den Sportwagenhersteller Porsche ein fantastisches Potenzial.

Lieb arbeitete nach seinem Abschluss als Teilzeitkraft in der Porsche-Performance-Abteilung. Er hat unter anderem an den Fahrzeugen 911 GT3 R Hybrid und 918 Spyder mitgewirkt. Mit dem Supersportwagen gelang ihm 2013 ein Streckenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife – unter sieben Minuten mit einem Straßenfahrzeug. Erst 2012 gönnte er es sich, ,nur‘ noch Profirennfahrer zu sein. Dabei begeistert ihn das LMP1-Programm auch aus Ingenieurssicht: „Das Entwicklungstempo ist faszinierend, da brennt ein unheimliches Feuer unter den jungen Ingenieuren. Wir Fahrer hinterfragen etwas, und beim nächsten Einsatz ist es gelöst.“


Porsche / DW


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