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VIDEO DTM: Nico Müller "Reiberein under den Fahren sind doch normal"

Wer war Opfer, wer war Täter?

16.09.2017 (Speed-Magazin.de) Die Frage, wer war Opfer, wer war Täter, lässt sich aus Sicht der Beteiligten nicht immer eindeutig beantworten. Nachdem Timo Glock beim Rennen am Sonntag auf dem Nürburgring dem Audi von Nico Müller ins Heck geknallt war, gab es kontroverse Diskussionen. Letztlich wurde der BMW-Pilot dafür von der Rennleitung mit einer Verwarnung belegt.

Glock witterte eine Verschwörung, warf dem Schweizer Manipulation und Audi Teamtaktik vor. Dies sei beschämend für die Fans. Ins selbe Horn stieß später Mercedes-Pilot Robert Wickens. „Da wurde ausgebremst und aus Kurven heraus nicht beschleunigt. Es war offensichtlich, was da versucht wurde“, sagte der spätere Rennsieger in Richtung der Fahrer aus Ingolstadt. DTM.com begab sich auf Spurensuche und hinterfragte die gegenseitigen Frontalangriffe. Während sich Timo Glock nicht mehr ausführlich äußern wollte, wehrt sich Müller gegen die Vorwürfe und beharrt weiter auf seinem Standpunkt, den im Großen und Ganzen auch der Sprecher des DMSB untermauert.

„Ich nehme die Entscheidung zur Kenntnis. Meine grundsätzliche Meinung zum Rennen am Sonntag und den Spielchen von Audi habe ich bereits geäußert. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen", erklärt Glock, der sich nach seinem Wutanfall in Zandvoort noch als reuiger Sünder gegeben hatte. An der niederländischen Nordseeküste hatte der BMW-Pilot mit einer Brems-Blockade und anschließender Stinkefinger-Affäre beim Qualifying gegen Mercedes-Fahrer Edoardo Mortara für den Aufreger des Wochenendes gesorgt. Dieses Mal blieb Glock bei seiner Meinung.

"Mehr gibt es dazu nicht zu sagen" erklärt Glock
© DTM | Zoom
Recht bekam er vom DSMB dennoch nicht. „Das, was manche gesehen haben wollen, dass Müller absichtlich langsam unterwegs war, und er zu früh gebremst hat, und Glock ist ihm in die Falle gegangen, das mag so sein. Wahrnehmung und Beweisführung sind aber zwei verschiedene Dinge. Von außen und aus Glocks Brille betrachtet, sieht das logisch aus. Faktisch muss man Müller aber freisprechen. Die Range bezüglich des Urteils war nicht sehr groß. Am Ende ist eine Entscheidung leicht neben der Mitte dabei herausgekommen. Die Mitte wäre no further action gewesen“, sagt Michael Kramp zur zweiten Verwarnung Glocks in dieser Saison. Der Sprecher des DMSB führt weiter aus: „Das ist wie im Straßenverkehr. Wer hinten drauf fährt, ist schuldig. Es ging erstmal um ein plattes Drauffahren auf einer geraden Strecke. Das kommt extrem selten vor. Das Auto von Müller wurde stark beschädigt und später musste er ausscheiden. Normalerweise ist das sogar eine Durchfahrtsstrafe. Entlastend für Glock war, dass Müller sehr früh gebremst hat. Das konnte man anhand der Daten nachvollziehen. Eine Absicht konnten wir ihm aber nicht nachweisen. Rechts auf der Ideallinie war sehr viel Platz. Glock hätte prima an Müller vorbeifahren können. Das muss man Müller zu Gute halten. Er hätte nicht draufknallen müssen. Müller ist sehr eindeutig links innen gefahren, er hat nur früher gebremst. Wenn Glock das gedanklich vorweggenommen hätte, dann wäre er ohne Berührung vorbeigekommen.“

Müller, der sich derzeit in Riga auf seinen zweiten Einsatz in der Rallycross-WM vorbereitet, bekommt Recht und fühlt sich auch folgerichtig so. Den Auffahrunfall schildert er aus seiner Sicht mit etwas Abstand nach wie vor gleich: „Ich darf meine Position verteidigen. Wir alle geben ungerne eine Position ab. Deswegen habe ich versucht, Timo hinter mir zu halten. Ich habe fair verteidigt und so gebremst, wie ich es für nötig gehalten habe, um irgendwie die Kurve zu erwischen. Es ist normal, dass du mit alten, dreckigen Reifen, wenn du von der Ideallinie runter bist, ein bisschen früher bremsen musst. Ich hatte für die enge Schikane einen schlechten Winkel. Ich hatte stumpfe Waffen“, so der Schweizer, der sich einen kleinen Seitenhieb in Richtung Glock aber nicht verkneifen kann. „Das selbe Manöver hatte ich vorher mit Robert Wickens gemacht. Er hat mich außen herum überholt. Das hat prima funktioniert. Ich hatte damit gerechnet, dass Timo das gleiche macht. Dem war aber nicht so. Timo ist mir voll hinten drauf gefahren, obwohl rechts Platz für zwei oder drei Autos war. Die Kollision wäre vermeidbar gewesen. Der Einschlag war ja auch nicht, als ich gebremst habe, sondern erst ein paar Meter danach. Da war er einfach zu optimistisch und hat ein bisschen Rot gesehen.“

Boxenstopp Müller
Boxenstopp Müller
© DTM | Zoom
Müller wurde auch von Seiten Glocks vorgeworfen, dass er bereits in den jeweiligen Sonntagsrennen in Moskau und in Zandvoort für Ekström den Weg frei machte. Das kann der Schweizer ebenfalls nicht nachvollziehen. In Moskau kam Müller erst drei Runden vor Schluss in die Box, bremste das Feld ein. Ekström wurde Zweiter, Mercedes-Pilot Maro Engel gewann. „Das sind alles sehr verschiedene Situationen. Auf Moskau müssen wir nicht groß eingehen. Da hat das Safety-Car das komplette Rennen über den Haufen geworfen. Ich war halt einer derer, die noch nicht in der Box waren und habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Wir haben dann die Strategie umgestellt. Dass ich auch da niemanden kampflos vorbeilasse, der neue Reifen montiert hat, ist auch klar.“ Verursacht wurde der Re-Start weil BMW-Fahrer Maxime Martin sein Auto in Runde fünf abstellen musste.

In Zandvoort fuhr Müller lange unmittelbar hinter dem drittplatzierten Schweden her. „Zandvoort war sowieso was ganz Anderes. Da waren wir in einer relativ guten Position und Mattias Meisterschaftsführender. Er ist mein Teamkollege. Wenn du im Auto sitzt und noch ein bisschen freie Gehirnkapazität hast, und weißt, dass dein Kollege langsam Probleme hat, er aber was reißen kann in der Meisterschaft... Dass ich ihn dann nicht volle Lotte attackiere und unter Druck setze, das ist doch wohl klar. Dass ein Gary Paffett das hinten dran nicht lustig findet, verstehe ich vollkommen. Aber, da blieb alles fair. Niemand wurde abgedrängt, es gab keinen Kontakt. Es gab tolle Zweikämpfe.“

Der Fairness halber muss man auch erwähnen, dass Mercedes-Fahrer Gary Paffett sich während desselben Rennens in der Eifel lautstark über die BMW-Fahrer („die schlimmsten Fahrer der Welt“) echauffierte, weil Tom Blomqvist, Augusto Farfus und Maxime Martin Markenkollege Glock auf Platz acht abschirmten. Martin traf den Mercedes am rechten Hinterrad. Paffett drehte sich und blieb als Elfter ohne Punkte. Somit schließt sich der Kreis unter den Herstellern wieder. Letztlich wird also auch alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. „Wir gehen in die Endphase der Meisterschaft. Jeder ist angespannter, als noch in der Mitte der Saison. Jeder Punkt kann zum Schluss den Unterschied machen. Es können noch zehn Fahrer den Titel holen. Darum kämpft jeder, mit allem was er hat, um jede einzelne Position. Dass wir Fahrer untereinander manchmal Reibereien haben, ist doch das Normalste, was es gibt. Wir kämpfen ja nicht nur um den Sieg, sondern auch um Platz zehn. Das ist doch eigentlich gut, auch für die Zuschauer,“ bringt es Müller wortwörtlich auf den Punkt.


DTM / DW


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