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DTM: Warum Bernie Ecclestone Hegers Gehalt wollte...

Altfrid Heger ist bei den Tourenwagen Classics am Start

01.07.2017 (Speed-Magazin.de) Altfrid Heger ist zurück im Cockpit. Am Norisring ist der 59-Jährige mit seinem alten Bigazzi BMW M3 E30 bei den Tourenwagen Classics am Start. Der gebürtige Essener bestritt von 1988 bis 1992 55 Rennen (zwei Siege, drei Poles) in der „alten“ DTM. Zu seinen größten Erfolgen zählen Siege beim 24h-Rennen in Spa-Francorchamps (1986 und 1988) und am Nürburgring. Dort gewann Heger im Jahr 2000 mit Bernd Mayländer, Michael Bartels und Uwe Alzen auf einem Porsche 996 GT3 R das 24h-Rennen am Ring. Im Auftrag der Porsche Deutschland GmbH richtet die Hegersport GmbH, deren Geschäftsführer er ist, heute die Rennen des Porsche Sports Cup aus. DTM sprach mit ihm über Vergangenheit und Gegenwart des Motorsports im allgemeinen und der DTM im speziellen.

Du hast gerade das Freie Training mit dem BMW M3 E30 bei den Tourenwagen Classics absolviert. Wie war es?
„Super. Ich bin das Auto vor einem halben Jahr am Salzburgring schon mal gefahren. Ich war ja 1992 der letzte Entwicklungsfahrer für BMW, für die Saison 1993, die ja dann für Audi und uns nicht mehr stattgefunden hat. Nach so langer Zeit bin ich da das erste Mal wieder gefahren. Was ich ganz vergessen hatte, es war nicht die Hitze im Auto, die ist nach wie vor riesig. Das waren die hohen Lenkkräfte ohne Servolenkung. Wenn es um Hundertstelsekunden geht, muss das mechanische Handwerk am Norisring hundertprozentig passen. Da wird den heutigen Fahrern natürlich einiges abgenommen. Auf der anderen Seite haben die aufgrund der technischen Entwicklung nochmal eine ganz andere Herausforderung, was Fliehkräfte, Bremspunkte und die hohen Kurvengeschwindigkeiten angeht.“

Was macht das Fahren am Norisring mit diesem Auto speziell?
„Du hast keinen Abtrieb, höchstens Auftrieb. Die mechanische Abstimmung muss perfekt passen, wenn ein Auto sehr viel Aerodynamik hat, dann ist sie auch wichtig, aber dadurch wird auch einiges kompensiert. Wenn du von der mechanischen Abstimmung danebenliegst, dann hast du hier ein unfahrbares Auto. Dann hast du nicht wie in der heutigen DTM drei Zehntelsekunden Abstand zum Spitzen-Piloten, dann hast du eine, zwei oder drei Sekunden Rückstand.“

Du hast vor der Motorsport-Laufbahn eine Ausbildung als Baumschulist und ein Studium der internationalen Agrarwirtschaft gemacht…

© DTM | Zoom
„Ich habe meine mittlere Reife mehr schlecht als recht gemacht. Aufgrund meines Sprachfehlers, der damals wesentlich schlimmer war, war die Auswahl nicht so groß. Ich wollte gerne ins Hotelfach gehen oder in die Touristik-Branche, das war aber nicht möglich. Ich war der Natur immer sehr verbunden. Ich habe mein Fachabitur nachgemacht, da war ich sehr gut. Das erste Mal, dass ich überhaupt ein größeres Gerät fuhr, da hat der Meister in der Baumschule vergessen, den Traktor auszumachen und dann habe ich mich aus der Scheune verdünnisiert und bin eine halbe Stunde gefahren. Das war sozusagen meine erste Motorsport-Erfahrung.“

Und wann ging es dann richtig auf der Strecke rund?
„Begonnen habe ich beim Käfer-Blasen, das war dieses Viertelmeilen-Beschleunigungsrennen. Das Auto hatte noch einen normalen Motor, mit 100 PS und einem kürzeren Differential, wie es auf der Straße soeben noch zugelassen wurde. Das war mein erstes Sportauto. Leider fehlten die finanziellen Mittel. Dann habe ich als Rettungsschwimmer und in der Kneipe gearbeitet, und mir davon meinen ersten gebrauchten VW Golf 1 GTI gekauft. Der hatte 100.000 Kilometer gelaufen, war vier Jahre alt und Baujahr 1976. Ich habe den in einer alten Rennsportschmiede in Essen umgebaut. Wir haben alles rausgeräumt, den Überrollbügel reingeschraubt und dann habe ich mit dem Auto auf der Nordschleife mein erstes Fahrertraining absolviert. Rennsport und die alte Nordschleife, das war meine große Leidenschaft.“

Einer Deiner größten Erfolge war der Sieg 1986 bei den 24 Stunden von Spa Francorchamps. Der Sieg hing aber am seidenen Faden. Wie kam es dazu?
„Ich war bei Schnitzer BMW nur der ‚Aushilfsfahrer’, eigentlich sollte ich bei Ludwig Lindner fahren. Aber Dieter Quester und Otto Rensing haben sich nicht verstanden und Quester hat seinen Team-Kollegen rausgeekelt. Da haben sie ihm dann gesagt, pass auf, du kriegst niemand anderen als den Heger. Und er sagte, ok, ich nehme das geringste Übel. Zu verdanken hatte ich das Gerhard Berger. Bei einem Renault Alpine-Rennen im Rahmen der Formel 1 in Imola stand ich in der ersten Reihe und der Gerhard sagte zum damaligen BMW-Motorsport-Chef Wolfgang Peter Flohr in der Box, wenn du noch einen brauchst: Der Heger ist nett, der ist loyal, und der fährt gut. So kam ich zu BMW.“

Und wie kam es dann fast zur Disqualifikation?
In den späten Abendstunden hat mich auf einmal ein 635 überholt, da wusste ich, ich werde gerade überrundet. Ich habe gedacht, da sitzt der Emanuele Pirro drin, und das kannst Du dir nicht bieten lassen. Es war aber der Gerhard Berger, und der fuhr 120 Prozent, dem war alles scheißegal. Wegen eines überrundeten Autos hatte ich dann einen größeren Abstand zu ihm, habe zu spät gebremst und bin ins Kiesbett gerutscht. Da war kein Rauskommen mehr. Ich habe mit den Händen versucht, den Kies wegzuschaufeln. Die Rennleitung hat mich dann rausgeschleppt. Aber das Seil war auf einmal so stramm über die Strecke gespannt, da hätte man drüber laufen können. Dann kam ein Rover, ist da reingefahren und es hat klack gemacht. Das Seil ist gerissen und ich bin schnell zur Box zurückgefahren. Die haben das Auto saubergemacht, neue Reifen draufgezogen und sich nur gewundert, dass ich ein abgerissenes Abschleppseil hinter mir herzog. Nach drei, vier Runden kam die schwarze Flagge. Was machte man zu der damaligen Zeit? Erstmal weiterfahren. Nach dreieinhalb Stunden bin ich aus dem Auto gestiegen und Flohr kam auf mich zu und ging mit mir zur Rennleitung. Er sagte, Altfrid halt die Schnauze, du bist ruhig, ich rede. Er hat aber eine ganz andere Geschichte erzählt. Das „königlich-belgische Gericht“ sagte, was ist denn mit ihrem Fahrer los, der spricht ja fast überhaupt nicht mehr und die haben mich rausgeschickt. Und der Flohr sagte, das hat der noch nie, ich kenne den so gar nicht, der muss tief geschockt sein. Und die Kommissare sagten, fahrt bloß weiter und seht zu, dass der Fahrer wieder in Ordnung kommt. So haben wir mit Glück – und etwas List – gewonnen.“

In deinem ersten DTM-Jahr hast Du in Mainz-Finthen auf dem US-Fliegerhorst einen Doppelsieg gelandet. Eine Überschrift hieß damals: Heger, der Schreckliche. Danach hast Du keinen Sieg mehr holen können. Woran lag es?
Das war ein Supereinstand. Da habe ich gedacht, das wird nicht mein letzter großer Erfolg in der DTM gewesen sein, aber er hat sich nie wieder eingestellt. Der Motorsport, BMW und die DTM haben mir unheimlich viel gegeben. Aber es wurde nie richtig auf mich gesetzt. Ein Roberto Ravaglia war halt derjenige oder ein Johnny Cecotto. Ich war kein Wasserträger, aber ich war mit dieser Rolle zufrieden. Ich habe Bathurst gewonnen, in Macau... Wenn ich der Nummer-1-Fahrer war, hatte ich auch Erfolge.

1989 wurdest du für das letzte DTM-Rennen in Hockenheim suspendiert, weil Du eine Stallorder missachtet hattest…
„Da bin ich wohl aus Versehen mit dem Ellenbogen an die Sicherung, gottseidank nur die vom Funk, gekommen, und die ist rausgesprungen, deswegen habe ich das nicht gehört. Ich stand damals aber auch unter Druck. Mercedes-AMG hat mit den Dunlop-Reifen Erfolge eingefahren und wir sind mit den Dunlop-Reifen hinterhergefahren. Vor dem vorletzten Rennen wurde mir klar gesagt, wir brauchen ein Ergebnis, sonst können wir nicht mit dir weitermachen. Ich habe mit Kurt Thiim und Klaus Ludwig am Nürburgring um den ersten Platz gefightet. Ich bin dann Dritter geworden. Das hat sich aber alles erst in der letzten Runde entschieden. Ravaglia war drei Runden vor dem Ende 20 Sekunden hinter mir und ich sollte ihn vorbeilassen. Ich habe die Order absichtlich missachtet. Die Sponsoren haben damals dafür gesorgt, dass ich doch noch ein Angebot bekommen habe. Ich war immer bei allen Präsentationen, oder wenn ein Fahrer angefragt wurde, das hat mir nach der Suspendierung geholfen.

Bernie Ecclestone hat Dir mal Testfahrten im Brabham angeboten…

© DTM | Zoom
„Ja, das stimmt. Das war 1987. Damals belieferte BMW Brabham mit Motoren. Ich hatte Flohr gebeten, mir Ecclestone mal vorzustellen. Dann hatte ich wirklich ein Gespräch in seinem blauen FIA-Omnibus. Er kam rein, hat mich begrüßt und mich gefragt, was hast Du mir denn zu bieten? Ich habe gesagt, mein Fahrergehalt. Ecclestone sagte zu Flohr, überweis Hegers Gehalt bitte auf mein Konto und zu mir, ich werde dich bei den nächsten Testfahrten berücksichtigen. Das hat er mir 14 Tage später schriftlich nochmal auf Schreibmaschine und unterschrieben zugeschickt. Leider hat das mit BMW und Brabham dann nicht mehr geklappt.“

Trotz deiner „nur“ zwei DTM-Siege bist Du immer noch ein sehr populärer Fahrer. Wie erklärst Du dir das?
„Das war damals eine andere Zeit. Ich gehe offen auf die Fans zu. Ich hatte immer Kontakt mit ihnen, wir waren damals auch noch nicht so abgeschottet. Ich habe mir immer Zeit genommen, weil – ähnlich wie im Fußball – lebst du von den Fans. Da musst Du auch mal was zurückgeben. Wir hatten eine offene und ehrliche Art, die man heute leider nicht mehr bei allen Fahrern so erkennen kann. Nicht, dass die Fahrer heute unehrlich sind. Aber die verschweigen einiges und die sind mit ihren Äußerungen unheimlich vorsichtig. Wir kriegten auch von der BMW-Presse sehr viel Freiheiten. Da hat es vielleicht mal einen Anstupser gegeben, wenn du nach einem Ausfall „diese Scheiß-Kiste“ gesagt hast. Ich bin davon überzeugt, das könnte heute auch besser sein.“

Man sagt ja so schön, früher waren die Fahrer noch Typen, die haben auch mal Fünfe gerade sein lassen. Heutzutage kommen alle Piloten sehr gradlinig rüber. Vermisst Du diese Ecken und Kanten in der heutigen Zeit?
„Ich kenne die Fahrer alle nicht persönlich, nur mal Hallo und Helau. Ich glaube, dass man denen ansieht, dass sie sehr unter Druck stehen und angespannt sind. Von der Figur her sind das alles Jockeys. Wir mussten damals in einen Recaro-Sitz reinpassen und die müssen in ihre spezielle Schale reinrutschen. Ein Fahrer, der von der Figur her aus der Norm ist, der hätte es heute schwer. Es wird ja auch mit jedem Kilo gerechnet. Die Jungs haben gar keine Schuld, die sind halt so gemacht worden. Das Geschäft lässt eine Party, wie wir sie früher am Dutzendteich in aller Öffentlichkeit gefeiert haben, gar nicht zu. Wenn hier heute Abend auf einer Party einer gesehen wird mit einer Flasche Bier in der Hand und der wird in irgendwas verwickelt, das kann sich keiner erlauben. Die müssen ihre Flasche Bier heutzutage, wenn überhaupt, heimlich auf dem Hotelzimmer trinken.“

Abschließend die Frage, was gefällt oder missfällt Dir an der neuen DTM? Was vermisst Du? Zieh mal bitte den Vergleich mit früher…
„Ich finde die Rennen Superspannend. Dank Gerhard Berger weht ein frischer Wind. Ich vermisse die Seriennähe. Die Fans konnten sich früher eher mit den Autos identifizieren. Ich würde mir eine größere Hersteller-Vielfalt wünschen, aber die bekommt man nur, wenn man das Reglement dramatisch ändert. Ich habe aber große Hoffnungen, dass die Vorteile der DTM mit der neuen Führung noch stärker herausgearbeitet werden und man nachdenkt, wie es in der Zukunft weitergeht. Das sportliche und technische Reglement ist sehr gut, für das was geboten wird.“


DTM / ND


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