zur Startseite

DTM Experten-Tipp: Rainer Braun setzt auf Green und Wickens

30.06.2017 (Speed-Magazin.de) Seine Stimme hat wohl jeder deutsche Motorsport-Fan schon einmal vernommen, sei es an der Strecke oder daheim am Fernseher. In den 90-iger Jahren kommentierte Rainer Braun die Live-Übertragungen der „alten“ DTM auf 3sat. DTM.com hat den bekannten Journalisten vor seinem „Heimspiel“ am Norisring zur heutigen DTM und den Tourenwagen Classics befragt.

Das erste Drittel in der DTM ist absolviert. Wie fällt dein Zwischenfazit aus?
„Bisher ist es ein ziemlich offener Wettbewerb. Es waren ein paar Überraschungen dabei. René Rast ist für mich aber keine Überraschung. Ich wusste, dass er gut ist. Und wenn er ein gutes Auto hat, dann fährt er nach vorne. Und er wird diese Leistung auch konservieren. Ansonsten ist alles ausgeglichen. BMW ist nicht mehr so stark wie im letzten Jahr. Zu den Regeländerungen möchte ich nichts sagen, ich möchte diesen Sport einfach nur genießen am Fernsehen und an der Strecke. Da interessieren mich die Regeländerungen überhaupt nicht.“

Was verbindest Du persönlich mit dem Norisring?

Rainer Braun setzt für den Norisring auf Jamie Green...
Rainer Braun setzt für den Norisring auf Jamie Green...
© DTM | Zoom
„Der Norisring ist meine Spielwiese, meine zweite Heimat. 1964 hatte ich hier bei einem Lauf zur Deutschen Rundstreckenmeisterschaft meine erste Reportage Auge in Auge mit großem Publikum – die Steintribüne knallvoll, 35° Außentemperatur, Holzverschlag ohne Dach als Sprecherplatz. Der damalige Rennleiter Gernot Leistner hatte mir diese Chance gegeben und ich habe versucht, sie bestmöglich zu nutzen. Immerhin durfte ich wiederkommen und bin dann bis in die 90-iger Jahre am Strecken-Mikro geblieben, bis die Fernsehzeit kam. Dann konnte man natürlich beides nicht mehr machen. Aber ich kehre nochmal zurück dieses Jahr, man glaubt es kaum, ich werde die Tourenwagen-Classics mit begleiten als Co-Kommentator. Wenn man auf die 80 zugeht, in drei Jahren ist es so weit, freut man sich schon, nochmal an den Sprecherplatz zurückzukehren zu dürfen, wo du so viele tolle Dinge erlebt hast.“

Was macht den Reiz des Norisring aus?
„Die Strecke ist einfach gestrickt, das ist nichts Besonderes. Aber in den Rennen auf einem Stadtkurs liegt immer eine ganz besondere Spannung drin, da weiß man nie, wie geht das aus. Überraschungen sind immer mit einkalkuliert. Die ganze Atmosphäre dort, es ist eine Summe vieler Kleinigkeiten. Vom Dutzendteich angefangen bis zu den Hospitalities, die da oben stehen. Der Norisring ist einfach was Besonderes. Die Menschen, die Zuschauer, die Fans, da muss man hin, dass muss man gesehen haben.“

Welche Fahrer haben Dir bisher gefallen?
„René Rast kassiert endlich den Lohn für das, was er wirklich kann. Bisher ist es bei ihm schon in allen möglichen Rennserien unterhalb der DTM sehr gut gelaufen. Aber jetzt wird er sich endlich auch in der höchsten Tourenwagen-Liga durchsetzen. Man hätte ihm die DTM-Chance ruhig schon ein paar Jahre früher geben können. Der Lucas Auer ist auch eine angenehme Überraschung. Viele sagen zwar, als Neffe von Gerhard Berger hat er alle Vorteile. Der wird ihm aber gar nicht helfen können. Der sitzt nicht nebendran und darf mit lenken, das muss er schon alleine machen. Es ist schön, wenn nicht immer dieselben gewinnen. Da ist mal ein bisschen Abwechslung drin. Der Timo Glock gefällt mir auch sehr gut. Er hat lange dafür gekämpft, jetzt hat er die Nase mit vorne.“

Wer macht dieses Jahr das Rennen um die Meisterschaft?
„Das ist ganz schwierig zu beantworten. Alle liegen so eng beieinander, da entscheiden schon ein paar Hundertstel. Wenn Du das Trainingsergebnis betrachtest, liegt das ganze Feld in einer Sekunde, wo hast du so was denn? Noch nicht mal in der Formel 1. Es gibt so viele Kandidaten. Mattias Ekström, René Rast, Jamie Green, Lucas Auer, es ist alles völlig offen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das wirklich nicht sagen. Vielleicht stößt auch noch einer von BMW mit nach vorne, da müssen sie sich allerdings schon arg strecken.“

Marco Wittmann will bei seinem Heimrennen endlich mal aufs Podium. Traust Du ihm das zu? Wer gewinnt die Rennen?
„Nein, ich glaube nicht. Ich habe meine Vorstellung vom Norisring. Wenn es trocken bleiben sollte, glaube ich zu wissen, wer vorne sein könnte. In Lauf eins würde ich Jamie Green nehmen, er war dort immer schon sehr stark. In Lauf zwei sehe ich Robert Wickens in Front. Das ist ein ganz Guter. Wenn es bei dem läuft, dann beißen sich alle an ihm die Zähne aus. Das ist ein ganz harter Knochen. Wenn er in einer der ersten beiden Reihen nach dem Qualifying steht, ist für ihn alles drin. Das wäre mein Tipp. Wenn es regnet ist natürlich alles für die Katz. Und wenn es eine Startkollision gibt, habe ich gleich verwachst.

Die Tourenwagen Classics sind auch am Norisring wieder im Rahmenprogramm der DTM. Freust Du dich da besonders drauf?

...und Robert Wickens
...und Robert Wickens
© DTM | Zoom
„Ich werde das Qualifying an der Strecke kommentieren und werde dann, so ist die Planung, am Sonntag als Co-Kommentator von Peter Kohl die Live-Übertragung bei SPORT.1 mitbegleiten. Ich freue mich sehr, dass man da an mich gedacht hat, und ich mache das auch mit großer Begeisterung. Da brauche ich kein Papier und kein Manuskript, das mache ich alles aus dem Kopf. Gottseidank funktioniert er noch.“

Dann wollen wir für dieses Rennen von Dir natürlich auch noch einen Tipp haben…
„Der Alfa Romeo 155 V6 von Giancarlo Fisichella von 1996 mit Stephan Rupp am Steuer ist leider aufgrund von Problemen mit der Elektronik beim letzten Lauf am Ring weit in Führung liegend ausgefallen. Es ist wahnsinnig schwierig, die Autos von damals heute wirklich dauerhaft zum Laufen zu bringen – immerhin liegen da 20 und mehr Jahre dazwischen. Da brauchst du jede Menge clevere Techniker, die das Auto ständig neu zum Leben erwecken und behandeln. Das gilt auch für die anderen Autos aus dieser Zeit, speziell den technisch hochkomplizierten Class 1-Alfa 155 V6 und C-Klasse Mercedes der Jahre 94 bis 96. Also, wenn der Alfa störungsfrei läuft, ist er kaum zu schlagen. Der fährt so weit vorne, dass einem schwindlig wird. Dasselbe gilt in ähnlicher Weise auch für den 94er Ex-C-Klasse Mercedes von Ellen Lohr mit Eigner Thorsten Stadler und den Ex-Magnussen/Montoya-Mercedes C-Klasse aus der ITC von 1996 mit Besitzer Jörg Hatscher. Das sind die dominantesten Autos der Classic-Serie. Es gibt aber auch ein paar Fahrzeuge, da sitzen ehemalige DTM-Piloten in ihren eigenen Autos. Zum Beispiel Altfrid Heger in seinem BMW M3 von 1990 oder der Volker Strycek in dem legendären Opel Omega von 1990. Das ist dann pures Gänsehaut-Feeling.“

Von den historischen Autos geht immer noch eine große Faszination aus…
„Das sind good memories and good vibrations, bei den Leuten, die das damals erlebt haben. Der aktuellen DTM kann nichts Besseres passieren, wenn man die beiden zusammenbringt, die alte und die neue. Damit holt man sich auch die älteren Jahrgänge zur Rennstrecke zurück, die sich dran erinnern, weißt du noch dieses Auto, und dies und das. Die neuen Autos sind ja auch hochinteressant, da ist für jeden was dabei. Das macht in Summe eine wunderbare Mischung des Publikums auf den Tribünen. Jeder hat seinen Spaß.“


DTM / RB


Die Mobile-App von Speed-Magazin.de