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DTM: Das Motorsport-Märchen des sehr alten Rookies

16.10.2017 (Speed-Magazin.de) Kurz nach der schwarz-weißen Flagge brach es aus René Rast heraus. Der Rookie schlug in seinem Auto immer wieder die Hände über dem Helm zusammen, er hämmerte wie verrückt mit den Fäusten auf sein Lenkrad und wischte sich durch das offene Visier mit dem Handschuh die Tränen aus dem Gesicht. Der Audi-Pilot war im wahrsten Sinne des Wortes am Ziel. Lange hatte der 30-Jährige darauf warten müssen, dass er sein Können auch in der DTM unter Beweis stellen konnte. Vor der Saison setzte der gebürtige Mindener bei einer Umfrage unter den Fahrern auf Markenkollege Jamie Green als Champion. Doch Rast (179 Punkte) verwies den Briten (173) ebenso denkbar knapp in die Schranken wie Mattias Ekström (176) und Mike Rockenfeller (167). Der DTM-Neuling sicherte sich den Titel und sorgte somit für eine faustdicke Überraschung. Dieses Motorsport-Märchen hatte zuletzt der Italiener Nicola Larini vor 24 Jahren geschrieben. 

„Als ich die Ziellinie überquerte, wusste ich nicht, ob ich Meister bin. Irgendwann schrie jemand im Funk und ich brach in Tränen aus. Das Gefühl kann ich nicht beschreiben. Das wird ein, zwei Tage oder Wochen dauern, das muss ich erstmal sacken lassen. Das ist heute sicher einer der besten Tage meiner Karriere“, war Rast sichtlich gerührt.

Motorsportchef Dieter Gass lobt seinen Schützling: „Das Rennen war für mich entspannt, aber spannend. Ich habe es genossen, zu verfolgen wie unsere vier Piloten sich schlagen. Natürlich bin ich überrascht über seinen Titel. Eigentlich sollte René in dieser Saison lernen. Aber er hat früh gezeigt, was er für eine Performance abliefern kann. Er war bester Fahrer im Qualifying in diesem Jahr. Im Schnitt war er dort auf Platz fünf. Das ist natürlich phantastisch. Und wenn man dann noch so eine Pace im Rennen hat.“

Emotionaler Moment für Rast
Emotionaler Moment für Rast
© DTM | Zoom
Als Zweiter ging Rast ins Rennen, schon in Runde eins fiel er jedoch auf Platz fünf zurück. Kurzzeitig lag Ekström in der virtuellen Gesamtwertung vorne. Am Ende sah der Schwede, der vor dem Wochenende in Hockenheim noch mit einem Vorsprung von 21 Punkten auf Rast in das Finale gestartet war, alt aus. Nach seiner Grid-Strafe wühlte sich „Eki“ durch das Feld. Von Platz 14 bis auf Rang acht. Doch die vier Zähler reichten nicht aus. Ähnlich ging es Jamie Green, der sich ebenfalls nach einer Grid-Strafe von 15 bis auf Platz fünf vorarbeitete. Zwischenzeitlich war er sogar ans Ende des gesamten Feldes zurückgefallen. Rast sorgte mit einer tadellosen Fahrt auf Platz zwei dafür, dass beide das Punkte-Gap nicht schließen konnten.

Und dabei ließ er sich auch nicht von außergewöhnlichen Widrigkeiten stoppen. Unmittelbar nach dem Start, ausgangs von Kurve eins setzte sein Auto auf, ein LED-Licht, das oberhalb der Windschutzscheibe befestigt war, baumelte auf einmal zwischen Rast und dem Lenkrad und beeinträchtigte seine Sicht. Der Versuch, es wieder zu befestigen, schlug fehl. Kurzerhand riss Rast es ab und warf es zur Seite. „Aber das Kabel hing dann immer noch vor meinem Auge und störte mich. Irgendwann habe ich es einfach ignoriert und mich versucht aufs Rennen zu konzentrieren.“

Wittmann gewann das finale Rennen
Wittmann gewann das finale Rennen
© DTM | Zoom
Auch für Mike Rockenfeller reichte es nicht für den ganz großen Coup. „Rocky“ fuhr nach Platz zwei am Samstag als Dritter erneut aufs Podium. In der Endabrechnung war er aber nur viertbester Audi-Pilot. „René ist ein Rookie, aber schon ein sehr alter Rookie. Ich kann ihm nur gratulieren. Er hat es im Qualifying sehr oft auf den Punkt gebracht. Ich persönlich bin sehr zufrieden. Ich habe alles versucht dieses Wochenende. Aber das Qualifying war meine Schwachstelle im Vergleich zu René. Da muss ich dran arbeiten für nächstes Jahr. Mein Team war das schnellste bei den Boxenstopps über die gesamte Saison, das ist eine tolle Leistung.“

Einen versöhnlichen Abschluss fand die Saison auch für den Titelverteidiger. Marco Wittmann gewann in diesem Jahr sein erstes Rennen, nachdem ihm der Erfolg in Zandvoort aufgrund zu geringer Spritmenge im Tank aberkannt worden war. „Im letzten Saisondrittel haben wir uns zurückgekämpft und gute Ergebnisse abgeliefert. Und jetzt zum Schluss auch noch der Sieg. Das stimmt mich zuversichtlich für 2018.“ Auch der BMW-Pilot konnte sich einen kleinen Scherz über das Alter des neuen Titelträgers nicht verkneifen. „Hut ab. Er ist ein verdienter Meister. Er hat im Qualifying immer abgeliefert. Das ist ein wichtiger Punkt. Und wenn du da vorne stehst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, gute Ergebnisse zu erzielen. Für mich persönlich ist er aber kein Rookie, er ist ja nicht mehr der Jüngste“, sagte der entthronte Marco Wittmann lächelnd.


DTM / JM


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