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Seat Leon Cupra R ST: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Seat Leon Cupra R ST.

14.03.2019 (Speed-Magazin.de) Der Leon ist seit jeher das sportlichste Modell im Programm von Seat. Ob im Kundensport auf Asphalt oder auf dem Schotter der Sonderprüfungen lässt der spanische Golf-Gegner gern und erfolgreich die Fetzen fliegen. Wenn er denn will. Schließlich gibt es den Kompaktwagen auch mit weniger brachialen Motorisierungen. Seat schärft die Klinge jetzt jedoch nach. Als Cupra R ST geht der Leon auf die Jagd nach schnellen Kurven, erfreut den Automobil-Enthusiasten mit schickem Zierrat, sportlichem Trikot und vor allem aber satten 300 PS.

Ein Schnäppchen ist der schnelle Spanier allerdings nicht. Knapp 50 000 Euro muss der engagierte Chauffeur für den feurigen Leon zahlen. Bekommt dafür aber ein Auto für alle Fälle und Gelegenheiten, das ganz wunderbar zwei Seelen unter seiner Motorhaube vereint. Dr. Jekyll leistet im Alltag gute Dienste, Mr. Hyde ist für die entfesselten Momente da, wenn die Kleinen an der Kita und die Holde beim Friseur von Bord gegangen sind.

Im Grunde ist der Leon Cupra R ST der letzte seiner Art und irgendwie ein Auslaufmodell. Denn Seat hat im vergangenen Jahr diese Typenbezeichnung, die seit jeher für die sportlichsten Modelle im Programm stand, zu einer eigenen Marke mit eigenem Logo gemacht. Bereits heute rollen der Cupra Ateca und bald auch das Coupé-SUV Cupra Formentor an den Start. Die scharfe Leon-Version, die unter diesem Namen ab April zu den Händlern kommt, ist die letzte, die das Seat-Emblem als Markenzeichen am Kühlergrill trägt. Spätestens bei ihrem Nachfolger wird dort das zackige Dreieckslogo eines Cupra montiert werden.

Seat Leon Cupra R ST.
Seat Leon Cupra R ST.
© Seat | Zoom
Die Form des Leon Cupra R folgt der Vergnügungssucht. Viel Zierrat aus Karbon schmückt das Blechkleid wie Sportabzeichen. Ausgeprägt leckt die Lippe am vorderen Stoßfänger über den Asphalt, die exklusiven Schmiederäder aus Leichtmetall schimmern matt im Kupferton und füllen im 19-Zoll-Format die Radhäuser mehr als im Vollformat, zwischen den Speichen blinken die großen gelochten Scheiben hervor, die gesamte Bremsanlage wurde von Brembo an die gehobenen Fahrleistungen angepasst. Die Dachlinie verlängert ein Spoiler über die Heckklappe hinaus, zwei Doppelendrohre rahmen den Diffusor am Wagenheck ein, auch sportliche Kombis verdienen einen athletischen Abschluss.

Der Innenraum findet den gekonnten Kompromiss zwischen sportlicher Attitüde und sachlicher Alltagsfunktion. Der Leon Cupra R ST ist vernetzt und mit allen gängigen Kommunikationsformaten kompatibel, die Bedienung fällt leicht und erklärt sich weitgehend von selbst. Das lederbezogene Lenkrad ist unten abgeflacht, Schaltwippen verbergen sich hinter dem griffsympathischen Kranz, das Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Gängen gehört ebenso wie der Allradantrieb 4drive bei dieser Leon-Version zur Serienausstattung. Eine Anzeige-Option unterscheidet das Cockpit mit dem programmierbaren TFT-Instrument von den zivilen Leon-Ausführungen. Wer die Launch-Control, das automatische Sprintsystem aktiviert, bekommt über den mittleren Monitor zusätzliche Motor- und Fahrparameter angezeigt. Ladedruck und Öltemperatur sowie die G-Kräfte der Quer- und Längsbeschleunigung lassen sich über quasi analoge Rundinstrumente auf dem Bildschirm darstellen. Aus der Abteilung für Sportartikel stammen außerdem die Ledersitze, die mit höhen Seitenwangen den Oberkörper in Kurven wirksam stützen. Die Sitzflächen haben ebenso ausgeprägt konturierte Formen, die beim Ein- und Aussteigen jedoch nicht behindern.

Seat Leon Cupra R ST.
Seat Leon Cupra R ST.
© Seat | Zoom
300 PS, vor allem aber 400 Nm Drehmomentspitze liefert der zwei Liter große Turbobenziner. Die liegt schon bei 2000 U/min an und bleibt bis 5200 U/min konstant. Das hat vor allem im Alltag Vorteile, wenn der Vierzylinder über die vier möglichen Fahrmodi mit dem Komfortprogramm gesteuert wird. Eher leise und unauffällig erfüllt er dabei seine Arbeit, das DSG hält die Gänge länger und entscheidet sich im Zweifelsfall für die größere Übersetzung um Geräuschentwicklung und Verbrauch zu reduzieren. Die Federung zeigt sich von ihrer charmantesten Seite und verwöhnt mit achtbarer Sanftheit. Das ändert sich, wenn der Sportmodus angewählt wird. Dann spannt der Leon die Muskeln und reagiert mit höherer Präsenz auf die Fahrerbefehle, Lenkung und Federung werden spürbar straffer.

Das sportlichste Fahrprogramm trägt passenderweise die Bezeichnung Cupra und versetzt alle Systeme des Wagens in höchste Alarmbereitschaft. Jetzt hält das Getriebe die Drehzahl des Motors stets oberhalb von 2000 U/min, kleinste Bewegungen am Lenkrad werden direkt und genau umgesetzt, die Dämpfer geben sich mit einem Mal hart und nur bedingt herzlich. Dafür unterdrücken sie das Einnicken der Karosserie beim scharfen Anbremsen von Kurven fast vollständig, die umrundet der Leon Cupra R dann im aufrechten Gang und wieselflink. Ganz leicht untersteuert der Kombi im Grenzbereich, mühelos lässt er sich mit einem geübten Gasfuß und ausreichendem Gefühl mit der Lenkung auf Kurs halten. Vor ungewollten Ausrutschern steht das Stabilitätsprogramm, das schrittweise und vor allem ausreichend sachte eingreift. Was selten erforderlich ist, denn der Leon Cupra R zeigt sich erfreulich spurtreu und ausgewogen, erlaubt außerordentlich hohe Kurvengeschwindigkeiten, die nicht zuletzt der Allradantrieb erlaubt.

Seat Leon Cupra R ST.
Seat Leon Cupra R ST.
© Seat | Zoom
Die Leistungsdaten des Leon Cupra R stellen ihn ins Umfeld von deutlich kräftigeren Sportlern. Nur 4,9 Sekunden vergehen beim Standardsprint, der Allradantrieb und die Launch Control verschenken weder Grip noch Zehntel. Spurtstark zeigt sich der Sport-Kombi auch bei mittleren Geschwindigkeiten. Überholvorgänge machen nicht nur Spaß, sondern sind kurz und daher sicher. Vom Fahrtwind ist wenig zu hören, wohl aber vom Auspuff im Cupra-Modus. Seat öffnet hier nicht wie beim SUV Cupra Ateca die
Auspuffklappen sondern lässt einen Aktuator die Frontscheibe in Schwingungen versetzen. Das klingt trotzdem sehr authentisch und wirkt vor allem nach innen, nervt also Außenstehende oder die Nachbarn nicht. Bei 250 km/h ist Schluss, kein Bitten und Betteln hilft, Seat bleibt eisern und entsperrt die Top-Speed nicht. Der Verbrauch ist ohnehin schon sportlich, 8,3 Liter verlangt das Triebwerk im WLTP-Zyklus, bei forscher Fahrt kommt der Express-Zuschlag noch dazu.

Dafür glänzt der sportlichste aller Seat Kombis mit eben den geschätzten Tugenden dieser Fahrzeug-Kategorie. 482 bis 1560 Liter passen je nach Stellung der Rücksitzanlage in den Kofferraum, zügiger lassen sich Gartenabfälle kaum zum Recyclinghof schaffen. Das Platzangebot ist für alle Passagiere großzügig, kein Grund zu meckern also. Und formal bewegt sich der Leon Cupra R ST noch im Rahmen des guten Geschmacks, trägt nicht zu dick auf und kann als Vertreter der Golf-Klasse sozialen Neid geschickt umfahren. Schnelle Kombis haben eben ihren Reiz. Vor allem, wenn es ihnen gelingt, sich auf nahezu jedem Parkett stilsicher zu bewegen.


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